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unternehmer
magazin
4/5·2009
S
ieht man sich die Geschichte des
deutschen Verbändewesens an, so
entstanden viele Interessenvertretun-
gen aus der Absicht, durch Einschränkung
des Wettbewerbs einen Sondervorteil für
ihre Mitglieder zu erlan-
gen, und zwar auf Kosten
der Mitbürger. Zu diesem
Zweck wurde Lobbyarbeit
in den Wandelhallen des
Parlaments, im Parlament
selbst und in den Amts-
stuben der Ministerialbü-
rokratie geleistet, der Auf-
stand auf der Straße ge-
probt und bisweilen auch
der Versuch unternom-
men, die öffentliche Mei-
nung zu kaufen. Unser
Land verfiel so dem Kor-
poratismus, den man regional verharmlo-
send als »rheinischen Kapitalismus« kennt.
Ähnlich wie ihre feudalen Ahnen, die
Fürsten, Grafen und Herzöge des Mittelal-
ters, waren die modernen Nachfahren be-
strebt, aus dem einheitlichen Rechtsstaat ei-
nen Privilegienstaat zu machen. Diese in-
tensive Betreibung von Partikularinteressen
brachte eine Durchkartellierung der Wirt-
schaft mit dem Tiefpunkt der Weimarer Zeit
hervor, als unser Land in Tausende kleiner
Verbändeterritorien (»Kartelle«) zerfiel, was
zur volkswirtschaftlichen Zerrüttung in je-
nen Jahren entscheidend beigetragen hat.
Zwischen diesen Organi-
sationen tummelt sich seit
Ende der 40er Jahre ein Ver-
band neuen Typs, eine Art
»weißer Ritter«, nämlich die
Organisation der selbständi-
gen Unternehmer bzw. der
Eigentümerunternehmer,
was grosso modo dasselbe
meint. Charakteristisch war
und ist die Verbindung von
Eigentum mit haftender Ge-
schäftsführung, das »Famili-
enunternehmerprinzip«. Ei-
ne Initiative von anfangs 80
renommierten Namen wie Henkell, Merck,
Bahlsen, Borgwardt, Wuppermann, Messer
und anderer mehr. Selbst der Chef des »Un-
ternehmens Bayreuth«, Wieland Wagner,
zählte zu den Gründern. Das gemeinsame
Bekenntnis galt der freien Wettbewerbswirt-
schaft mit den Grundwerten Eigentum und
Selbstverantwortung. Als wahlverwandte
»Unternehmer im Geiste« kamen später
»korrespondierende« Mitglieder hinzu, etwa
Herbert Giersch und Günter Ederer. Ein
primär politischer Verband also, eine echte
Arbeitsgemeinschaft, mit einem Netzwerk
zur gegenseitigen Hilfe. Die ASU, wie sie
jahrzehntelang hieß, sieht sich insofern bis
heute zweifach in die Front gestellt:
>
Gegen einen Umverteilungs- und Bevor-
mundungsstaat, der sich auf Kosten von Ei-
gentum und Freiheit seiner Bürger ausdehnt
und dazu tendiert, aus gleichem Recht und
Wettbewerb eine ständische Ordnung Privi-
legierter zu machen. Der Ein-Drittel-Netto-
Taschengeldstaat, denwir inzwischen haben!
>
Gegen die staatlich begünstigten Konzer-
ne, die anonymen Publikumsgesellschaften,
aus denen sich der Gedanke strenger per-
sönlicher Haftung nahezu verflüchtigt hat.
In der ASU kamen politische Unterneh-
mer zusammen, die sich selbst einbrachten
und die Funktionärswirtschaft in ihren Rei-
hen kleinhielten. Die Vereinigung hieß ja
nicht grundlos »Arbeitsgemeinschaft Selb-
ständiger Unternehmer« statt »Verband«.
Die ASU war auch in dieser Hinsicht gewis-
sermaßen ein »Anti-Verbände-Verband«.
Der Apparat blieb darum lange klein: Ein
Geschäftsführer (in der Regel einVolkswirt),
dazu als sein Stellvertreter ein Jurist und
dann noch zwei oder drei Fachreferenten.
In den ersten Jahrzehnten (mit den Ge-
schäftsführern Dr. Paul Mertens und Heri-
bert Juchems) stand die Wettbewerbspolitik
im Vordergrund, wobei Konsequenz und
Prinzipientreue der ASU gerühmt wurden.
Im Kampf gegenWettbewerbsbeschränkun-
gen erwiesen sich die Selbständigen Unter-
nehmer als treueste Verbündete Ludwig Er-
hards. Aber auch Privatisierungsinitiativen
(1953) und, besonders bemerkenswert, ein
Gegenkonzept zu Adenauers obsoleter Ren-
tenreform von 1957, wurde von der ASU in
Form eines eigentumsfreundlichen, kapi-
talgedeckten Systems politisch lanciert und
von Machbarkeitsberechnungen begleitet.
Privatisierung in einem umfassenden
Sinn, nämlich als Wiederherstellung von Ei-
gentum, Haftung und Freiheit, war von An-
fang an eine Leitidee. Die Losung lautete
»weniger Staat, mehr privat«. Im Zeichen
solcher Initiativen wuchs die ASU bis Ende
der achtziger Jahre auf über 7.000 Mitglie-
der an, blieb aber damit immer noch ein
»David« neben den Goliaths der Spitzenver-
bände. ASU-Unternehmer wurden in die
Monopolkommission (Dieter Fertsch-Rö-
Ludwig Erhard
H. Juchems, Wolfgang Herion,Willy Brandt
Dieter Fertsch-Röver
Ordnungspolitische Prämissen
Ein Fels in der Brandung
Prof. Dr. Gerd Habermann
E
XTRA
60 Jahre »Die Familienunternehmer – ASU«