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     Titelthema
»Hidden Champions«
    Beginn einer neuen Epoche
Beginn einer neuen Epoche
Globalisierung und Gesellschaft
Globalisierung und Gesellschaft
VOLKSWIRTSCHAFT Die Welt erlebt eine fundamentale Erschütterung und übersieht deren Bedeutung und Tragweite nicht. Die Pandemie betrifft alles und sie verändert alles nachhaltig: Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Gesellschaft suchen neue Umgangsformen und Verhaltensweisen. Warenströme und Wertschöpfungsketten stocken, die globale Mobilität bleibt möglicherweise dauerhaft gestört. Systeme und Ordnungssysteme suchen nach neuer Stabilität. Sicher ist nur, dass die Digitalisierung noch rascher fortschreiten wird.
Wie tief die Covid-19-Pandemie in unser Le- ben eingreift – in die Art des Umgangs mit- einander, in die ökonomischen Strukturen und in die globalen politischen Konstellatio- nen – hängt letzten Endes davon ab, ob es bei der Infektionsspitze jetzt im Frühjahr und im Sommer 2020 bleibt oder ob es nach der all- gemeinen Lockerung der Beschränkungen im Herbst und Winter zu einer zweiten Welle von Erkrankungen kommt. Außerdem, ob in Bäl- de ein Impfstoff oder ein wirksames Medika- ment gegen die Krankheit entwickelt worden ist oder ob eine neuerliche Mutation des Virus alle Fortschritte der Medizin zunichte macht.
Wer in die Zukunft schaut, muss also mit mindestens zwei Szenarien arbeiten, einem »Best Case« und einem »Worst Case«. Dabei ist davon auszugehen, dass die wahrscheinli- che Entwicklung irgendwo dazwischen liegt. Alles andere sind keine seriösen Prognosen, sondern ist Wahrsagerei. Solide Entscheidun- gen sind auf zuverlässige Zukunftsannahmen angewiesen. Wo die unmöglich sind, beginnt in Wissenschaft wie Wirtschaft das unabseh- bare Feld der Spekulation. Auf dem kann man zum großen Gewinner werden oder zum gro- ßen Verlierer. Vorsicht bleibt also geboten.
Was sich jedoch schon jetzt konstatieren lässt, ist die große Verwundbarkeit einer glo- balen Ökonomie, wie man sie bislang nicht »auf dem Zettel« hatte. Bislang standen Han- delskriege und Finanzkrisen im Fokus, und die konnte man vermeiden, wenn man wollte, oder durch schnell wirkende Initiativen be- grenzen. Die zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen Gegenmaßnahmen, von denen ei- nige offenbar Wirkung gezeitigt haben, haben
»Die Bedrohung durch die Pandemie und die zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen haben Trends der jüngsten Zeit verstärkt.«
aber die wirtschaftlichen Folgen der Krank- heit und ihre politischen Auswirkungen noch verstärkt. Weil das voraussehbar war, haben einige Regierungen mit dem »Lockdown« ge- zögert und sich dadurch wie Großbritannien und die USA erst recht in Krisen manövriert. Unbeschadet aller sonstigen Besonderheiten im Regierungshandeln ist eine Maßnahme im »Lockdown« allgemein zu beobachten: die Einschränkung der Bewegungsfähigkeit der Menschen, zuerst an den Grenzen und dann
auch im Binnenraum der Staaten. In kürze- ster Zeit wurde so aus einer globalen Ökono- mie wieder eine Nationalökonomie, der eu- ropäische Schengenraum wurde außer Kraft gesetzt, die Regierungen handelten auf natio- naler Ebene, und »Brüssel« war lange auf die Rolle eines Kommentators beschränkt. Man nahm zu einem Verfahren Zuflucht, das sich seit jeher als Mittel der Seuchenbekämpfung bewährt: der Beschränkung von Mobilität.
Auch im Fall von Covid-19 hat das funk- tioniert. Doch im Unterschied zu den einsti- gen Agrargesellschaften mit ihrer tendenziell hauswirtschaftlichen Autarkiefähigkeit wur- den sehr bald die Grenzen der Grenzblocka- den in einer verwobenen Wirtschaft sichtbar, vor allem in den wirtschaftlich eng verflochte- nen Regionen Europas, wo Staatsgrenzen seit langem keine Rolle mehr spielten. Kilometer- lange LKW-Staus, ausgesperrte Pendler, aus- bleibende Saisonarbeiter waren die Folge. Die Durchhaltefähigkeit der eilends eingegrenzten Räume erwies sich zeitlich als limitiert, so dass die Lockerungen des Grenzregimes geboten waren. Was ist aus diesem Schwanken der Po- litik zwischen virologischen Ratschlägen und den Erfordernissen der Versorgung zu lernen?
  14 unternehmermagazin 1/2·2020




















































































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