Page 15 - UMAG
P. 15

    Beschränkungen der Mobilität sind hilf- reich, doch dazu braucht man tendenziell au- tarkiefähige Räume als erste Abwehrlinie, die baldmöglichst hergestellt werden muss. In Eu- ropakönnte das der Schengenraum unter Ein- schluss Bulgariens und Rumäniens sein. Eine zweite Abwehrlinie lässt sich um wirtschaftlich eng verflochtene Räume ziehen, eine dritte um Landkreise, die vom Virus entweder stark oder kaum betroffen sind. Staats-
grenzen herkömmlicher Art
würden in einem solchen Ab-
wehrregime keine Rolle spie-
len. An die Stelle »dummer«
träten »intelligente« Grenzen.
Der große Vorzug eines sol-
chen Regimes besteht in der anlassbezogenenVerbindung
hoher Effizienz und Flexibi-
lität. Die Schwerpunkte von
Infektionen lassen sich ein-
grenzen, ohne dass zugleich
wenig oder nicht betroffene
Räume lahmgelegt werden.
Fragmentierung der Weltwirtschaft > Die Installierung eines solchen Regimes, das Pan- demiebekämpfung, Begrenzung ihrer wirt- schaftlichen Folgen sowie eine gesicherte Ver- sorgung der Menschen miteinander kombi- niert, ist, was die äußere Abwehrlinie anbe- trifft, nur auf europäischer Ebene möglich. Es dort zu installieren, könnte den positiven Ef- fekt haben, dass nach einer Welle der Europa- skepsis und der Renationalisierung die Ange-
wiesenheit der Menschen auf die EU mitsamt deren Leistungsfähigkeit wieder deutlich wür- de: Die EU als ein Raum längerer Durchhal- tefähigkeit bei gleichzeitiger Binnendifferen- zierung, die schnell verändert werden kann.
Die Vorbereitung eines solchen Abwehr- regimes hätte vermutlich Folgen für die glo- balen Lieferketten und auch für die Struktur der Absatzmärkte. Es würde die zuletzt oh-
nehin abgeflachte Globalisie- rungsdynamik weiter brem- sen und auf wirtschaftlich- politische Großräume um- lenken. Das heißt nicht, dass die Ökonomie deglobalisiert würde, aber in den im Not- fall autarkiefähigen Räumen würde eine längerfristig an- gelegte Lagerhaltung für Gü- ter von außen wieder eine er- hebliche Rolle spielen, jeden- falls im Hinblick darauf, dass das Abwehrregime aktiviert werden kann. Dabei spricht
viel dafür, dass solche oder ähnliche Schritte die Resilienz stärken, auch deswegen, weil die- ses Reaktionsmodell auf »Best Case« und auf »Worst Case«-Szenarien ausgerichtet werden kann. Das ist in ungewissen Zeiten optimal.
Die Bedrohung durch die Pandemie und die zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maß- nahmen haben Trends der jüngsten Zeit ver- stärkt: vor allem die Fragmentierung der Welt- wirtschaft infolge von Handelskriegen und von Sanktionsregimen,denRückzugder USA
aus der Rolle eines Hüters der globalen Ord- nung, das Ausgreifen Chinas auf Grundlage seiner Seidenstraßenstrategie und die wesent- lich auf militärische Macht gestützte Rück- kehr Russlands auf die weltpolitische Bühne.
Der nach 1989/90 aufgekommene Traum von einer wirtschaftlich verflochtenen Welt, in der alte politische Gegensätze kaum noch eine Rolle spielen sollten, sowie einer regelgeleite- ten, an Normen ausgerichteten internationa- len Politik, ist ausgeträumt. Die großen Ak- teure legen wieder Wert auf ihre Souveränität und orientieren ihre Entscheidungen erneut an ihren eigenen Interessen, nicht aber an de- nen der ganzen Menschheit, des Klimas, der Artenvielfalt oder anderer Menschheitsaufga- ben.GroßeStiftungen und Nicht-Regierungs- organisationen halten zwar dagegen, geraten jedochzunehmendinsHintertreffen.Das mag man bedauern, doch kein noch so lautes La- mento wird an diesen Trends etwas ändern.
Die universalen Normen und Ziele spie- len nur eine Rolle, wenn sie ins strategische Kalkül der großen Akteure passen. In diesem Sinne bewegen wir uns auf eine Weltordnung zu, die aus mehreren großen Akteuren besteht (USA, China, Russland, EU, vielleicht Indien), und die haben ihre je eigenen Normen und Regeln. Covid-19 hat diese Entwicklung nur beschleunigt, aber nicht in Gang gesetzt.
Was das Virus indessen wohl bewirkt hat, ist eine Verschiebung des Einflusses zwischen den großen Akteuren, und zwar jenes Einflus-
> Fortsetzung auf Seite 16
  Prof. Dr. Herfried Münkler
          Mehr als ein Pin
Identifikation. Auszeichnung. Wertschätzung.
Gestalten Sie mit uns Ihr individuelles Schmuck-Signet für Ihre Mitarbeiter und Kunden. Konzeption, Design und Herstellung aus ausgezeichneter deutscher Manufaktur.
Jetzt informieren: EHINGER SCHWARZ 1876 | info@ehinger-schwarz.de | +49 (0) 731 509 750
                                                           




































































   13   14   15   16   17