Page 18 - UMAG
P. 18

  Titelthema
»Hidden Champions«
 Investoren haben eine Vorliebe für die Fauna. Anders ist nicht zu erklären, warum sie stän- dig mit Bullen und Bären kämpfen und bei Notenbanken genau hinhören, wenn Falken und Tauben reden. Angst aber haben sie vor »Schwarzen Schwänen«, ob-
wohl Elefanten viel gefähr-
licher sind. Doch der Reihe
nach. Als »Schwarze Schwä-
ne« gelten Ereignisse, die nur
sehr schwer oder gar nicht zu prognostizieren sind, die je-
doch für große Verwerfun-
gen sorgen und so zu einer Herausforderung für Anle-
ger und Unternehmen wer-
den. Dabei liegt es in der Na-
tur der Sache, dass die Vor-
hersage nicht wirklich genau
erfolgen kann. So wissen wir
zwar, dass ein Erdbeben in San Franzisco in den nächsten 100 Jahren recht wahrscheinlich ist, können aber nicht seriös sagen, ob es sich in den kommenden zwölf Monaten ereignet.
Ähnliches gilt für die Corona-Pandemie. Die WHO warnte seit Jahren vor der abstrak- ten Gefahr einer weltweiten Infektion mit ei- nem neuartigen Virus. Doch selbst als die Welt Mitte Januar vom Ausbruch des Coro- navirus erfuhr, war nicht einmal ansatzweise klar, welche historische Dimension eintreten würde, selbst einen Monat später noch nicht. Die Börsen stürzten erst am 20. Februar ab, und auch dies zunächst nur zaghaft. Insofern ist es wohl vergebene Liebesmüh, diffuse Sig-
nale im Vorfeld »Schwarzer Schwäne« richtig deuten zu wollen. Der Aufwand wäre gewaltig und der Mehrwert begrenzt. Daher sollte man vor diesem Phänomen weniger Angst haben und es mit gewisser Gelassenheit hinnehmen.
Regierungen und Noten- banken besitzen starke In- strumentarien, um »Schwar- zen Schwänen« ihre Wucht zu nehmen. Außerdem sind Politiker und Notenbanker ernsthaft motiviert, eben dies zu tun, da es sich um abrupte und nicht um schleichende Ereignisse handelt. Der Aus- löser ist klar definierbar und in der Regel monokausal, so dass Maßnahmenbündel,so- fern sie beherzt ergriffen wer- den, relativ bald wirken. Po-
litökonomisch ein Eldorado für alle Entschei- dungsträger, die wieder gewählt werden wol- len. Plötzlich gibt es ein meist exogen ausgelö- stes Problem, das durch fiskalpolitische und geldpolitische Interventionen vielleicht nicht geheilt, so doch zumindest in seinen Effekten abgeschwächt werden kann. Politik und No- tenbanken stehen als Retter da, die generös mit Medikamenten um sich werfen und da- mit die Symptome der Krise wirksam lindern.
Zudem gibt es staatliche Maßnahmen, die im Idealfall auch die Ursache bekämpfen. Das Corona-Virus geht man mit massiven Kon- taktbeschränkungen an und hält die Kollate- ralschäden mit sehr viel zusätzlicher Liquidität
im Zaum. Nicht viel anders war es nach der Finanzkrise.DieBankenwurden rekapitalisiert und die Finanzindustrie reguliert. Die Finanz- märkte und die Realwirtschaft wurden mit Geld geflutet. Daraufhin setzte bald die Erho- lung von diesem »Schwarzen Schwan« ein und so wird es wieder sein. Funktionierende, de- mokratisch verfasste Staaten tun in schweren Katastrophen alles dafür, um eskalierte Lagen beherrschbar zu machen. Daher ist übertrie- bene Angst vor diesem größten aller Entenvö- gel unangebracht, ganz im Gegensatz zu Ele- fanten, vor allem, wenn sie im Raum stehen.
Diese Metapher bezieht sich auf Ereignis- se oder Probleme, die wie der empirisch be- legte Klimawandel erkannt, aber nicht adäquat adressiert werden. Die zugrunde liegenden physikalischen Zusammenhänge sind späte- stens seit 1862 offenbar. Selbst wenn nun die Simulationen über künftige Temperaturver- läufe heute noch mit hohen Unsicherheiten und Fehlern behaftet sein dürften, so ist klar, dass ein höherer Anteil Treibhausgase in der Atmosphäre höhere Temperaturen bewirkt.
Dabei sind die Folgen der Klimaverän- derung langfristig dramatisch kritischer ein- zuschätzen als das Platzen der Internetblase, die Finanzkrise und die akute Pandemie zu- sammen. Trotzdem tun sich Staaten und ihre Organe schwer damit, wirkungsvolle Antwor- ten zu finden, weil sich der Handlungsdruck anders als bei den »Schwarzen Schwänen« nur langsam ergibt. Zudem können sich Politiker ihre Erfolge nach Jahrzehnten nicht mehr me- dienwirksam zurechnen lassen. Daran ändert selbst »Friday for Future« nichts. Folglich ist der Anreiz stärker, kurzfristige Showeffekte zu liefern als ernsthaft große Ziele zu verfolgen. So kommt die überstürzte Abschaltung relativ effizienter deutscher Kohlekraftwerke bei Kli- maaktivisten gut an, bringt aber wenig oder nichts, sobald man die komplexen Mechanis- men des europäischen Emissionshandels ver- steht. Faktisch wird viel volkswirtschaftliches Vermögen verpulvert, ohne dass es vorteilhaft ist. Deshalb sollten wir Elefanten (im Raum) fürchten,nichtaber»SchwarzeSchwäne«. 􏰀
Dr. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer (CIO), M.M. Warburg & Co. KGaA, Hamburg
Prognose der Pandemie Elefanten viel gefährlicher als »Schwarze Schwäne«
  Dr. Christian Jasperneite
     »Schwarze Schwäne« • Unerwartete Großereignisse, die Systeme stark erschüttern
18 unternehmermagazin 1/2·2020






































































   16   17   18   19   20