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  Titelthema
»Hidden Champions«
 Wenn nicht von Corona gesprochen wird, re- den viele gern vom Klima. Kein Tag vergeht, an dem nicht Unternehmen oder Länder ver- künden, bis zum Jahr X klimaneutral werden zu wollen. Das zweifellos sehr wichtige The- ma des Klimaschutzes über-
deckt dabei gelegentlich, dass
nachhaltiges Handeln in Un-
ternehmen, die »Corporate
Social Responsibility« (CSR),
weit mehr ist, als CO2-Emis-
sionen einzusparen. Tatsäch-
lich geht es um die Aktivitä-
ten von Unternehmen in den
drei Dimensionen Soziales,
Umwelt und Wirtschaft. Da-
zu gehört auch, gegen Kor-
ruption einzutreten,den Aus-
schuss in der Produktion zu
senken, das Verpackungsma-
terial zu reduzieren, ernsthaften Datenschutz zu betreiben, ein zeitgemäßes Gesundheits- management zu haben und seine internatio- nalen Lieferketten wirksam zu überwachen.
Wie sich das unternehmerische Handeln auf die Umwelt und auf die Gesellschaft aus- wirkt, steht heute im Fokus der globalen Öf- fentlichkeit, und zwar nicht erst, seit es Akti- vistinnen wie Greta Thunberg gibt. In die- sem Sinne verlangen immer mehr Konzerne von ihren Zulieferern Transparenz darüber, wie gut sie vorgegebene Kriterien der Nach- haltigkeit erfüllen. Wer hier nicht überzeugt, scheidet im Zweifel als Lieferant aus. Zudem steigt allenthalben der politische Druck.
In Deutschland wird gegenwärtig über ein Lieferkettengesetz diskutiert, das Unter- nehmen verpflichten will, in ihren globalen Geschäften Standards im Umweltschutz und im Hinblick auf die Menschenrechte einzu- halten. Außerdem fragen Arbeitnehmer heute nicht mehr nur nach ihrem Gehalt, sondern sie wollen in Unternehmen tätig sein, die für Nachhaltigkeit einstehen. Daher ist ein gutes CSR-Management für erfolgreiches Recrui- ting kaum zu überschätzen. Wer sich Nach- haltigkeitsziele setzt oder schon erfüllt, sollte das auf seiner Website nicht verschweigen.
Es gibt also reichlich Anlass für Unter- nehmen jeder Größe und Branche, sich in- tensiv mit CSR und Nachhaltigkeit zu be-
fassen. Die Herausforderung besteht darin, der Komplexität gerecht zu werden, die sich aus dem Spagat zwischen den eigenen unter- nehmerischen Entscheidungen im Wettbe- werb und den oft erst langfristig wirkenden
Wer einmal die für ihn gültigen Kriterien gefunden und den Stand der Dinge im Unter- nehmen ermittelt hat, kann den großen näch- sten Schritt tun: Sich Ziele setzen, Maßnah- men definieren, die sie erreichbar machen und geeignete Indikatoren entwickeln. In diesem Zusammenhang haben Unternehmen auch ihre Kommunikation anzupassen. Intern gilt es, seine Belegschaften mit auf den Weg zu nehmen, getreu dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber. Nachhaltigkeit heißt in jeder Beziehung, die Zukunftsfähigkeit von Unter- nehmen zu sichern. In der externen Kommu- nikation sind sowohl Kunden als auch alle weiteren Stakeholder konsistent und glaub- würdig zu informieren. Dazu trägt eine Zerti- fizierung nach dem ZNU-Standard bei. Hier prüfen Auditoren unabhängiger Institutionen jährlich nach, wie sich die Nachhaltigkeitsin- dikatoren in einem Unternehmen entwickeln. Die objektive Nachprüfbarkeit der Indikato- ren sogt für Glaubwürdigkeit und arbeitet so dem Vorwurf des »Greenwashings« entgegen.
Manche Unternehmen scheuen vor mehr Nachhaltigkeit zurück, weil sie die Komple- xität des CSR-Managements fürchten. Wenn jedoch schon andere moderne Management- systeme wie ein Qualitäts- oder ein Umwelt- managementsystem eingeführt worden sind, lassen sich viele Prozesse und teilweise auch die Indikatoren recht gut in eine Zertifizie- rung nach dem ZNU-Standard überführen. Der Einkauf erfragt im Zweifel ohnehin be- reits routinemäßig bestimmte Kriterien bei den Lieferanten. Die Nachhaltigkeitsaspekte kommen dann also nur noch hinzu.
Auch wenn ein zeitgemäßes CSR-Mana- gement damit in keinem Unternehmen über Nacht entsteht: Mittelständler sollten sich lie- ber heute als morgen darauf einlassen. Wer sich heute die Frage nicht stellt, wie sein Un- ternehmen nachhaltiger wird, wird an diesem wichtigen Thema unserer Zeit scheitern. 􏰀
Oliver Brendle, Auditleiter und Seniorauditor für den ZNU-Standard Nachhaltiger Wirtschaften sowie die ISO- Standards 9001 (Qualitätsmanagement), 14001 (Umweltmanagement) und 50001 (Energiemanagement),TÜV Rheinland AG, Berlin
Mehr als der Greta-Faktor Standards im CSR-Management
  26 unternehmermagazin 1/2·2020
Oliver Brendle
Maßnahmen zugunsten von mehr Nachhaltigkeit ergibt. Was ist, wenn sich die Maß- nahmen kurzfristig negativ auf das eigene wirtschaftliche Ergebnis auswirken könn- ten? Eine Antwort lautet: Wer sich in seiner CSR verbessern will, sollte erst einmal mit objektiv nachprüfbaren Kri- terien transparent machen, wie es um diese Nachhaltig- keitsleistung wirklich steht. Die gute Nachricht ist, dass es solche Kriterien schon gibt.
Mehrere Standards orientieren darüber, worauf es im CSR-Management ankommt, darunter die ISO 26000 und die »Global Re- porting Initiative« (GRI). Allerdings bleiben diese Regelwerke oft noch auf einer Meta- Ebene, so dass man sie nur auf sein Unterneh- men herunterbrechen kann, wenn man viel ZeitundRessourceninvestiert.Praxisnäher für KMU ist beispielsweise der von der Univer- sität Witten/Herdecke mit dem TÜV Rhein- land entwickelte ZNU-Standard »Nachhalti- ger Wirtschaften«. Ursprünglich für die Nah- rungsmittelindustrie entwickelt, ist der Stan- dard heute in diversen Branchen zu Hause.
Zu ermitteln, welche Kriterien und Indi- katoren für das eigene Unternehmen in seiner Branche wichtig sind, ist der erste Schritt, um alle Aktivitäten, die sich auf Nachhaltigkeit beziehen, strategisch professionell auszurich- ten. Dabei geht es unter anderem um die Un- fallquote im Unternehmen oder um Energie- verbräuche pro Produkt. Die Felder sind also prinzipiell groß und weit, lassen sich aber mit dem ZNU-Standard systematisch auf die re- levanten Branchenkriterien begrenzen. Wich- tig ist dabei, dass Unternehmen ihre »Hot Spots« im Blick behalten: Aktuelle Themen, über die kritisch diskutiert wird. Ein Beispiel ist ein Textilhersteller, der heute mehr denn je jederzeit erklären können muss, wo und wie seine Mode auf dem Planeten produziert wird.



































































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