Page 34 - UMAG
P. 34

 Titelthema
»Hidden Champions«
 Mittelständler tun sich in ihren traditionellen Strukturen schwer damit, die digitale Trans- formation nur mit ihren eigenen Ressourcen zu gestalten. »Corporate Venture Capital« ist hier eine Möglichkeit, um sich durch Eigen- kapitalbeteiligungen an »Start-ups«
früh und gezielt Zugang zu relevan- ten Ideen, Technologien und Köp- fen zu verschaffen, um seine eigene strategischeNeuausrichtungzufor- cieren. Die Bedrohung des bisheri- gen Geschäfts kann sich so zu einer Chance wandeln, weiterhin zu den Branchenbesten zu zählen und sei- ne Märkte international zu sichern.
Investitionen mit »Venture Ca-
pital« waren in Deutschland nach
der Jahrtausendwende zunächst ein
Thema für einschlägige Fonds und
»Private Equity«-Gesellschaften, oft angelsächsischer Prägung. Seit geraumer Zeit aber nehmen nicht nur Konzerne, sondern auch große Familienunternehmen bewusst Geld in die Hand und stellen heute rund 20 % des Volumens an verfügbarem »Venture Ca- pital« dar, so dass mittlerweile von einer tra- genden Finanzierungssäule, und zwar nicht nur für deutsche »Start-ups«, zu sprechen ist.
Die Motive von Unternehmen, Kapital in »Start-ups« zu stecken, sind vielfältig, wobei monetäre Interessen, also die Aussicht auf ei- nen lukrativen Exit durch Weiterverkauf der Beteiligungen, kaum im Vordergrund stehen.
Die gestandenen Unternehmen suchen Zu- gang zu innovativen Konzepten und Techno- logien, zu neuen Märkten und neuen Kanälen im Vertrieb. Insofern dienen die Investments dazu, eigene Entwicklungskosten zu sparen.
Rechtliche Konstruktionen > Klassisches »Corporate Venture Capital« zielt immer auf eine Eigenkapitalbeteiligung an einem »Start- up« ab. Mit anderen Worten: Reife Unterneh- men finanzieren die Entwicklung junger Un-
Investitionen in »Start-ups« Motive und Strukturen von »Corporate Venture Capital«
    Christian Tönies
Dr. Sebastian Gerlinger
ternehmen und erhalten dafür Ge- schäftsanteile oder Aktien, so dass sie je nach Rechtsform Gesellschaf- ter oder Aktionäre sind. Prinzipiell könnten Unternehmen solche Be- teiligungen selbst eingehen, doch die Direktinvestition ist aus Haftungs- und steuerlichen Gründen selten. In der Regel wird eine Tochtergesell- schaft errichtet, die das Investment hält. Hier haben sich im deutschen Markt mehrere Gestaltungen etab- liert, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Daher hängt die individuel- le Entscheidung vom Einzelfall ab.
Zudem wertet die Beteiligung an einem viel versprechenden »Start-up« das Image auf, indem man in modernen Gründergeist sowie in Ideen von morgen investiert. Ein weiterer oft angestrebter Effekt ist, dass solche Engage- ments vitalisierend auf die eigenen internen Entscheidungsstrukturen wirken können und sollen. Nicht selten findet auch ein (zeitlich begrenzter) Austausch von Mitarbeitern statt, von dem man sich neue Impulse für die Fir- menkultur sowie auf die Innovationsbereit- schaft seiner Belegschaften erhofft. In der Pra- xis sind sich die beiden Welten jedoch fremd.
Im Fokus der Strukturierung sollten stets die Ziele stehen, die Unternehmen langfristig mit ihren Investitionen verfolgen. Die Struk- tur sollte daher vor allem zukunftsfähig sein, da jede spätere Umstellung schwierig bzw. teil- weise auch nicht ohne (steuerliche) Nachteile machbar ist und hohen Aufwand bedeutet.
Das körperschaftliche Grundmodell > Die Grundstruktur eines körperschaftlich verfas- sten Corporate VC-Modells besteht aus dem operativ tätigen Mutterunternehmen (»Indu- strie AG«), das Eigentümerin einer Tochter- GmbH (»Corporate VC GmbH«) ist, die in die Portfoliounternehmen investiert.Letztere leiten dann die Veräußerungsgewinne, Divi- denden und/oder Zinsen an die »Corporate VC GmbH« und durch diese an die »Indu- strie AG« weiter. Der Vorteil dieser Struktur besteht in der Haftungsabschirmung. Zudem bleibt das Portfoliounternehmen eine Ebene weiter von der »Industrie-AG« entfernt, sollte es doch einmal unerwartete negative Schlag- zeilen geben. Der Nachteil besteht darin, dass mit der »Corporate VC GmbH« eine zweite Besteuerungsebene geschaffen wird.
Organschaftsmodell > In der Praxis minde- stens ebenso häufig ist das Organschaftsmo- dell, in dem die »Industrie AG« und die »Cor- porate VC GmbH« eine Ergebnisabführung
 Weltmarktführer | Die größten deutschen Firmen (nach Umsatz)
 Unternehmen
Gründung
Umsatz in Mrd. Euro
Mitarbeiter
Stammsitz
Branche
Robert Bosch
1886
78,465
409.900
Gerlingen
Elektrotechnik
 ZF Friedrichshafen
 1915
 36,929
 147.332
  Friedrichshafen
 Automotive
Heraeus
 1851
20,300
14.903
Hanau
Schwerindustrie
  Henkel
1876
19,899
53.450
 Düsseldorf
  Chemie Pharma
Bertelsmann
 1835
17,673
117.220
Gütersloh
Medien
   Boehringer Ingelheim Pharma
1885
17,498
50.370
 Ingelheim am Rhein
  Chemie Pharma
Merck
 1668
14,836
51.749
Darmstadt
Chemie Pharma
   Würth-Gruppe
1945
14,270
78.686
 Künzelsau
  Handel
Schaeffler
2001
14,241
92.478
Herzogenaurach
Automotive
 MAHLE
1920
12,581
79.564
 Stuttgart
 Automotive
Freudenberg
 1849
9,345
47.657
Weinheim
Technologien
   Knauf Gips
1932
7,200
28.000
 Iphofen
  Baugewerbe
Hella Hueck
1899
7,060
40.263
Lippstadt
Automotive
 B. Braun Melsungen
1839
6,908
63.751
 Melsungen
 Chemie Pharma
Knorr-Bremse
1905
6,615
28.452
München
Automotive
  Quelle: Weltmarktführer-Index, Prof. Dr. Christoph Müller, Universität St. Gallen
                                     34 unternehmermagazin 1/2·2020
   32   33   34   35   36