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 Unternehmernachfolge
 SPECIAL
UMAG > Herr Dr. Mittelsten Scheid, Sie ha- ben ein sorgfältiges Buch über Vertrauen in Familien und Unternehmen verfasst. Wie kamen Sie zu dem Thema? > Familienunter- nehmen haben mich schon früh beschäftigt. Damals in den 80er Jahren, als es noch keine Lehrstühle dafür gab und sich die Wissen- schaft noch nicht für Familienunternehmen interessierte. Es schien mir einzuleuchten, Fa- milienunternehmen aufgrund ihrer spezifi- schen Problematik in die Gründergeneration, in die zweite Generation und in die weiteren Generationen einzuteilen, weil alle Phasen ihre typische Themen aufweisen. Später habe ich die Literatur weiterverfolgt, es wurden klu- geBeiträgeundAnalysengeschriebenund es wurde mehr und mehr geforscht. Bisweilen habe ich auch selbst Artikel publiziert. Dabei fiel mir unlängst auf, dass niemand über den zentralen Begriff des Vertrauens gearbeitet hatte, der eigentlich ins Metier von Psycholo- gen gehört. Schließlich hat mich der Gedanke bewegt, dass ich als alter erfahrener Unterneh- mer, der nicht nur Vorwerk kennt, sondern als Beirat und Aufsichtsrat in anderen Familien- unternehmen auch im Ausland war, durchaus etwas dazu beitragen sollte – weniger aus der Sicht der Wissenschaft als aus der Praxis.
UMAG > Sie gliedern die Anspruchsgruppen und ihre Beziehungen in Unternehmen auf, stellen die durch Vertrautheit und Engage- ment geprägte Familie in den Fokus und sa- gen, dass Vertrauen nicht einfach gegeben sei,
genschaften oder mehr Anteile am Unterneh- men habe. Dieser Gleichheitssatz gilt natürlich außerhalb der Familie in den notwendigen Hierarchien von Firmen nicht. Probleme ent- stehen, wenn sich ein Familienmitglied der Gleichheit entzieht, weil es in die Führung der Firma oder in den Beirat oder in eine andere besondere Position berufen wird. Dann hat es mehr Rechte und Pflichten, weiß über man- che Dinge mehr als andere und das verletzt das Gleichheitsgebot. Das ist nur heilbar, so- fern derjenige oder diejenige deutlich macht, dass es nicht darum geht, seine eigenen Inter- essen zu verfolgen, sondern die Interessen der Familie und natürlich die des Unternehmens.
UMAG > Familienmitglieder in herausra- gender Verantwortung sind ja Treuhänder der Miteigentümer sowie letztlich Garanten der Gesamtfamilie. Welche Fehler machen mächtige geschäftsführende Familiengesell- schafter, die sich zu wenig rückversichern, weil sie ihren Auftrag als Stellvertreter miss- verstehen? > Jedes Familienmitglied, dass in der Führung eines Unternehmens mitwirkt, hat zu verstehen, dass es einen großen Ver- trauensvorschuss der Familie genießt, da es von ihr ausgewählt wurde, und dass dieses Vertrauen unbedingt erhalten werden muss, indem es sich laufend erneuert. Das fällt ei- nem Familienmitglied zunächst leicht, weil es wie seine Verwandten Anteile am Unterneh- men hat, so dass gemeinsames Interesse an dessen Wohlergehen besteht. Zugleich aber muss sich dieses Familienmitglied bei Kon- flikten immer wieder für die Positionen der anderen Familienmitglieder öffnen, um zu ei- nem Ergebnis zu kommen, das dem Interesse der Familie wie dem des Unternehmens dient. Die beiden Sphären sind ja nicht immer ganz deckungsgleich. Sie können auseinanderstre- ben. Wenn ein Zweig der Familie ein großes Haus bauen will, ein anderer Zweig aber eine andere Unternehmung in Sicht hat, muss die Familie über die Prioritäten entscheiden.
UMAG > Abweichende Positionen zu verste- hen und zu integrieren, braucht in der Regel Zeit, zumal die Einwände und Bedenken zu
Vertrauen in Familienunternehmen
Höchstes Gut
sondern dass es in Kollektiven ständig leben- dig gehalten werden müsse, da es gestört wer- den könne. Sie sagen zudem offen, dass nicht alle Familienmitglieder idealtypisch als Be- gleiter von Unternehmen integrierbar seien.
Dabei heben Sie das Gleichbehandlungsge- bot hervor. Wie meinen Sie das und wie lässt sich das steuern? > Jede Familie wird vom Ge- bot der Gleichwertigkeit bestimmt. Als Mit- glied der Familie bin ich gleich viel wert, auch wenn ich eine größere Begabung, andere Ei-
  Dr. Jörg Mittelsten Scheid
Ehrenvorsitzender des Beirats Vorwerk & Co. KG, Wuppertal
    Kultküchengerät »Thermomix« • Eingeschworene Käufergemeinde
42 unternehmermagazin 1/2·2020
> Fortsetzung auf Seite 44
Interview


















































































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