Page 58 - UMAG
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 Unternehmernachfolge
 SPECIAL
Nachhaltigkeit in der Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen
Initiativen und Strukturen
 [Teil II] UMAG > Herr Schiemenz, nach al- lem, was Sie bisher gesagt haben, geht es nicht nur um Expertise, um Erfahrungswissen, um Netzwerke und Beziehungen in den Ziellän- dern, sondern vor allem um ein Miteinander der Hilfsorganisationen mit staatlichen Stel- len in Deutschland und vor Ort. > Ich nehme das so wahr. Der Staat gibt heute kein Geld mehr und guckt zu, was daraus wird, sondern man versucht, es intelligent zu machen. Am Ende klappt es dann trotzdem nicht immer, weil Zusagen nicht eingehalten werden, weil es Störanlässe und internationale Ereignisse gibt, die Beschlossenes verhindern. Die UNO kämpft ja mit ihrem eigenen Hilfswerk dau- ernd damit, dass Staaten ihre Zahlungsver- pflichtungen nicht erfüllen. Dann fehlt schlag- artig Geld, um Millionen Menschen in Not zu versorgen. Dabei stellt das Ministerium von Herrn Müller rund 10 Mrd. Euro im Jahr zur Verfügung. Das BMWZ arbeitet auch nach- haltig mit den Experten der NGOs zusam- men. Natürlich könnte unser Staat noch viel mehr Mittel stiften, aber er kann nicht alles und er muss es auch nicht. Es gibt Aufgaben fürzivilgesellschaftlichesEngagement.Wir ha- ben in unserem Land eine gute Mischung aus staatlicher Wohlfahrt und Philanthropie, was uns wohltuend von den USA unterscheidet.
Natürlich wäre es gut, für gute Zwecke 100 Milliarden geben zu können, aber es gibt eben immer wieder neue große Verpflichtungen, jetzt etwa im Zeichen des Klimaschutzes. Das ist alles hoch komplex, wenn man es auf die Spur bringen will, ohne ständig die Steuern zu erhöhen. In Amerika gilt das Prinzip, jeder ist seines Glückes Schmied und wer scheitert, soll halt selber sehen, wie er auf die Beine kommt. Da ist unser Menschenbild doch wohl besser.
UMAG > Die Klimaziele betreffen den gan- zen Planeten. Hilfsorganisationen würden auf diesem Feld anders als bei Katastrophen präventiv tätig werden. > Genau. In Bonn ha- ben Sie »help – Hilfe zur Selbsthilfe«, ein Ver- ein, der sich um Plastik und Müll kümmert und mit jungen Menschen in Projektregionen Modelle zur Müllvermeidung sowie zur Müll- verwertung entwickelt, um neue Infrastruk- turen und Industrien aufzubauen. Es gibt also in der deutschen Gemeinnützigkeit sehr in-
novative Projekte. Dabei geht es hier um an- geschwemmten Plastikmüll und um Gegen- den, die heute noch keine Müllvermeidung betreiben. Das schafft auch Arbeitsplätze, da- mit die Menschen sich selbst dauerhaft helfen.
UMAG > Es braucht folglich keine akuten Katastrophen, um Hilfsorganisationen se- gensreich wirken zu lassen? > Genau. Die Ka- tastrophen zwingen Hilfsorganisationen da- zu, kurzfristige und mittelfristige Maßnah- men besonders zu betonen, aber viele Orga- nisationen sind ja ohnehin auf grundsätzliche nachhaltige Unterstützung ausgerichtet, etwa »Menschen für Menschen« und »SOS Kinder- dorf«.Wobeiichesauchnachhaltigfinde,ei- ne dreiviertel Million Menschen, deren Leben durch eine Naturkatastrophe gefährdet ist, in nur zehn Tagen mit dem Nötigsten zu versor- gen, einfach, weil es sehr effektiv ist. Hier ge- lingt es, Leben dauerhaft zu retten, wozu viele Hilfsorganisationen beitragen. Und das ma- chen wir mit den deutschen Ressourcen gut.
UMAG > Wie wird über Verwendungen von Spendengeldern entschieden? Wie sehen die Verteilungsschlüssel aus? Es fließt wohl nie alles in einen großen Bedarf, obwohl man dadurch einen ganzen Raum in Not nach- haltig entwickeln könnte. Die Budgets wer-
den in diverse Himmelsrichtungen gesplittet, da die Dringlichkeiten sicher miteinander konkurrieren. > Der richtige Punkt ist, dass Hilfsorganisationen fast alle projektgetrieben sind und nicht marketinggetrieben. Das heißt, dass sie sich nicht überlegen, mit welchem An- lass und mit welchem Produkt sie die meisten Spenden sammeln könnten. Das wäre mir ja im Fundraising am liebsten, dass ich im Ein- klang mit Politik und Medien wüsste, dass ich just besonders viele Menschen finanziell dafür gewinnen kann, in Burkina Faso hungernde Nomaden oder die Umwelt vor Ort zu retten.
Nein, die Organisationen konzentrieren sich auf angestammte Projektländer und Pro- jekte, für die es durchaus Planungen gibt, die sich auf Engagements über Jahre erstrecken. Dafür werden dann immer wieder Mittel ein- geworben. Wir wissen ja, wie lange Karlheinz Böhm für seine Stiftung gebraucht hat. In der Regel aber verfolgen die NGOs kein Gießkan- nenprinzip, sondern sie fokussieren sich auf die Kernkompetenzen. Wichtig ist, wo sie die besten Partner und die stabilsten ökonomi- schen Situationen haben. Es wäre kaum sinn- voll, jahrelang in ein Land zu investieren, und dann gibt es dort einen Putsch, der alles wie- der zunichte macht. Dies alles ist abzuwägen.
Wenn dann aber in Burkina Faso ein Pro- jekt »Menschen und Umwelt« aufgesetzt wird, ist zu unterstellen, dass es auch starke nach- haltige Effekte hat. Das Budget dafür ist also begründet. Außerdem geht es darum, welche Fördermittel aus dem Bundeshaushalt oder aus dem BMWZ die Hebel in dem Land ver- längern. Dabei spielt auch Geld aus europä- ischen Töpfen eine Rolle und ob es Koopera- tionspartner in der Wirtschaft und der Zivil- gesellschaft gibt, die Vorhaben unterstützen.
UMAG > Der großen Not von Menschen auf der Welt wird mit der Überlegung begegnet, wo und wie Investments optimale Effekte er- zielen. Das ist zwar nicht unbedingt mora- lisch, aber doch vernünftig, zumindest sehr rational. > Ja, definitiv. Das machen die deut- schen Organisationen auch gut. Dafür denken sie nicht immer in den richtigen Dimensio- nen. Auf der Konferenz in Addis Abeba, von
> Fortsetzung auf Seite 61
    Andreas Schiemenz
Geschäftsführer Schomerus – Beratung für ge- sellschaftliches Engagement GmbH, Hamburg
58 unternehmermagazin 1/2·2020
Interview
















































































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