KW 01 | Beinfreiheit für eine Etappe

Helmut Schmidt, Peer Steinbrück und die Genossen

Der mit weitem Abstand beliebteste Politiker in Deutschland ist Altkanzler Helmut Schmidt. Das darf nachdenklich stimmen. Der bekannteste Kettenraucher der Republik wurde einen Tag vor Heiligabend 94 Jahre alt und schied bereits vor 30 Jahren aus dem höchsten Regierungsamt aus. Sogar die SPD feiert ihren „Elder Statesman“ heute als moralische Instanz und als nahezu allwissenden Auskunftgeber in ökonomischen und weltstrategischen Fragen. Dies war jedoch keineswegs immer so. Im Gegenteil. „Schmidt-Schnauze“ war den Genossen in seiner aktiven Zeit meist zu unterkühlt, zu verkopft und zu we­nig an­fass­bar. Während die Partei den Visionär Willy Brandt vergleichsweise liebte, erfuhr „Macher“ Schmidt be­sten­falls Respekt aus den eigenen Reihen. Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, donnerte er unter an­derem auf seine ihm eigene Art, die auch von Wegbegleitern mitunter als arrogant empfunden wurde.

In diesem Sinne ist es sicher, dass sich Helmut Schmidt im Rennen um die SPD-Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2013 für Peer Steinbrück eingesetzt hat. Der inzwischen offiziell bestellte Hoffnungs­träger erinnert im Habitus und in seinem Verhältnis zum eigenen Beritt auffällig an das große Vorbild. Beide präsentieren sich gern als unabhängige, fast schon über den Parteien stehende Politiker, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und nicht nur dem Programm des eigenen Lagers. Nicht umsonst wurde in den 70er und 80er Jahren bisweilen das Bonmot kolportiert, Schmidt wäre der beste Kanz­ler, den die CDU je gehabt hätte. Folgerichtig war das Ende seiner Kanzlerschaft 1982 nicht nur dem Koalitions­wechsel der FDP geschuldet, sondern auch ein Ergebnis der Zerstrittenheit der SPD über den Kurs der sozial-liberalen Koalition, insbesondere im Hinblick auf den NATO-Doppelbeschluss, den ein Großteil der mehr emotional als pragmatisch friedensbewegten Sozialdemokraten nicht mittragen wollte.

Steinbrück, den die Bevölkerung wegen seiner deutlichen und oft unbequemen Sprache schätzt, weiß um sein schwieriges Binnenverhältnis. Auf dem Sonderparteitag Anfang Dezember, auf dem er mit über 93 % der Delegiertenstimmen Herausforderer von Angela Merkel wurde, zeigte sich der sonst so streitlustige ehe­malige Ministerpräsident und Finanzminister a.D. ungewohnt moderat. Nur ein paar Wochen zuvor hatte er sich noch „Beinfreiheit“ von den Seinen erbeten. Inzwischen ist seine Rhetorik sozialdemokratischer geworden. Um die Seele der Partei zu streicheln und die Unterstützung der Genossen zu erhalten, hat er nun auch Forderungen des linken Flügels wie die Einführung der Vermögensteuer und des Mindestlohns adaptiert. Doch wie alle Kandidaten und Kanzler der SPD vor ihm, steckt der gekürte Kandidat in der Zwickmühle. Wahlen werden in der Mitte des politischen Spektrums gewonnen. Rückt Steinbrück nach links, um das Herz der Partei zu befrieden, verschreckt er das bürgerliche Milieu, das er zum Sieg braucht.

In Zeiten des Wahlkampfs, in denen es um die Machteroberung geht, wird die SPD manches durchgehen lassen. Steinbrück wird die Möglichkeit haben, die Unionsanhänger zu becircen und für sich zu gewinnen. Bei alledem hat ihm die Diskussion seiner Nebeneinkünfte sicher geschadet. Doch bis zur Wahl sind es noch gut zehn Monate und das Gedächtnis des Wählers ist kurz. Sollte Steinbrück jedoch unerwartet Kanzler werden, könnte es ihm ergehen wie einst Schmidt. Wie viel Solidarität werden ihm die Genossen dann noch spenden, wenn er weitere Kürzungen in den Sozialetats vornehmen muss? Aus heutiger Sicht stellt sich diese Frage allerdings weder für ihn noch für seine Partei. Vielleicht haben die beiden anderen SPD-Granden Gabriel und Steinmeier ihrem lieben Peer ja auch deshalb großzügig den Vortritt gelassen.

Carsten Becher M.A.