KW 05 | Goodbye and farewell

Großbritannien und die Europäische Union

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entwarf Winston Churchill in einer wahrhaft historischen Rede an die aka­demische Jugend in Zürich eine Vision eines künftig geeinten Kontinents durch die Schaffung einer Art Ver­einigter Staaten von Europa. Notwendig sei, so der britische Kriegspremier, der europäischen Völkerfa­milie eine Struktur zu geben, in der sie in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben könne. Als wesentliche Voraussetzung für das Gelingen dieser Idee galt ihm die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Indessen sah er für sein eigenes Land keinen Platz in diesem Staatengebilde vor. Vielmehr sollten die Vereinigten Staaten von Europa an der Seite des britischen Commonwealth und der USA ein Bollwerk ge­gen die Expansion der Sowjetunion bilden. Nicht zuletzt sollte die Einbindung dazu dienen, ein einseitiges Wiedererstarken Deutschlands zu verhindern.

Ganz in diesem Sinne gehörte Großbritannien 1957 nicht zu den Unterzeichnern der Römischen Verträge mit denen die Europäische Gemeinschaft begründet wurde. Erst 1963 stellte das Vereinigte Königreich ei­nen Antrag auf Beitritt zur EG, der auf Betreiben von Charles de Gaulle abgelehnt wurde. Inzwischen hatte sich auch auf der Insel die Einsicht durchgesetzt, dass die Gemeinschaft der Kontinentaleuropäer vor allem ökonomisch erfolgreich war. Vor allem der wirtschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik diente als be­redtes Beispiel dafür, während Großbritannien nicht nur einen Niedergang seiner Wirtschaft, sondern auch seiner Stellung als ehemalige Welt- und Kolonialmacht erlebte. Im Übrigen wollten die Regierungen an der Themse nun auch von den großzügigen Förderprogrammen der Gemeinschaft profitieren. Außerdem wollte man mitreden in Europa und nicht mehr nur als Zuschauer am Rande stehen, zumal Großbritannien im Spiel der beiden Supermächte USA und Sowjetunion auf der weltpolitischen Bühne nicht mehr gebraucht wurde. Die Zeiten Queen Viktorias, als „England“ die Meere und ein Sechstel der Landfläche der Erde beherrschte, waren endgültig vorbei.

1973 war es dann endlich soweit und Großbritannien wurde in der ersten Norderweiterung der Gemeinschaft mit Dänemark und der Republik Irland in die EG aufgenommen. Kaum Mitglied geworden, wollte man jedoch auch schon wieder raus. 1975 gab es erstmals in der Geschichte des Landes ein Referendum, das die Bürger über den Verbleib in der EG abstimmen ließ. Nachdem sich eine deutliche Mehrheit da­für ausgesprochen hatte, konnte das Land anschließend eine deutliche Reduzierung seiner Beitragszahlungen erreichen. Dem folgte später unter Margaret Thatcher die Ausverhandlung des bis heute gültigen „Britenrabatts“. Man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel würde in der akuten Staatsschuldenkrise wie einst die Handtaschen schwingende „Eiserne Lady“ in Brüssel fordern „I want my money back!“ Ein solches Begehren fiele in der öffentlichen Wahrnehmung si­cher wieder in die Kategorie „deutscher Sonderweg“.

Dieser Tage kündigt ein britischer Regierungschef abermals ein Referendum über einen Austritt aus der in­zwischen „Europäische Union“ genannten Gemeinschaft an. Warum eigentlich? Großbritannien nimmt traditionell die Vorteile mit, pickt die Rosinen aus dem Kuchen und lehnt zugleich alles ab, was dem Land zum Nachteil gereichen könnte. Großbritannien ist nicht Mitglied des Schengener Abkommens, zahlt weiterhin mit Britischem Pfund, ist nicht bereit, die Finanzindustrie der Londoner City zu regulieren oder mit Steuern zu belegen und „last but not least“ erhält der Schatzkanzler einen Großteil der Mitgliedsbeiträge aus Brüssel zurück. Bei einem Austritt würde Großbritannien beispielsweise den Vorteil des zollfreien Bin­nenhandels in der EU verlieren. Das Schlimmste für die britische Seele wäre aber, dass vor allem Deutschland davon profitierte, da sein Gewicht auf dem Kontinent angesichts ökonomisch schwer angeschla­gener Nachbarländer weiter zunehmen würde. Ein von Deutschland dominierter Euro könnte langfristig stärker werden als es die D-Mark je war. Bei allem Verständnis für den Wunsch nach Unabhängigkeit von bürokra­tischen Institutionen, die vermeintlich alles vereinheitlichen und in eine EU-Norm pressen, schadet Da­vid Cameron sich selbst. Europa braucht Großbritannien weniger als Großbritannien Europa. Bei alledem gilt das Sprichwort, dass man Reisende nicht aufhalten soll. Insofern so long, goodbye and farewell.

Carsten Becher M.A.