KW 08 | „Schlag den Raab“

Die Amerikanisierung unseres Wahlkampfs

Etwas altertümelnd würde man Stefan Raab wohl als eine Art Tausendsassa beschreiben, als Hans Dampf in allen Gassen. Er produziert und moderiert seit Jahren überaus erfolgreich mehrere Fernsehshows für den Privatsen­der PRO7 und wenn er ruft, kommt kleine Prominenz, um sich in Spektakelsendungen wie dem „TV total Turmspringen“ vom Drei, Fünf- oder Zehnmeterbrett ins Wasser zu stürzen. 2010 beglückte der Kölner Metzgersohn das deutsche Fernsehpublikum mit dem „Fräuleinwunder“ Lena Meyer-Landrut, die nach vielen Versuchen der Nachfolger(innen) von Nicole endlich wieder den „European Vision Song Con­test“ gewann. Sein neuester Coup ist der schräge Polit-Talk „Absolute Mehrheit“, der Elemente einer po­litischen Runde mit Elementen einer Spielshow verbindet. Fünf kundige Gäste diskutieren mit dem Ziel, die ab­solute Mehrheit der Zuschauer hinter sich zu bringen. Gelingt es, erhält der Sieger 100.000 Euro.

Raab, der Erfinder der „Wok Weltmeisterschaft“, bei der Freiwillige beiden Geschlechts in einer getunten asiatischen Bratpfanne einzeln oder im Bobverbund einen Eiskanal hinunterfegen, soll nun in den Olymp des politischen Journalismus gehoben werden. Der Entertainer, der in seinen Metiers als begnadeter Musi­ker, Produzent und Formatinnovator zweifellos viel kann, soll als Co-Moderater im sogenannten TV-Du­ell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer fungieren. Der Vorschlag kommt ausgerechnet von Edmund Stoiber, der 2002 gegen Gerhard Schröder im ersten Mediendialog der deutschen Nachkriegsgeschichte angetreten war. Raab könne dazu beitragen, so sein Mentor, jüngere Zuschauer für Politik zu in­ter­essieren. Laut Presseberichten ist der SPD-Kanzlerkandidat nun bereit, den Auftritt gegen Merkel mit Raab als Fragensteller zu bestreiten. Nun liegt es an der Amtsinhaberin. Ihre Entscheidung steht noch aus.

Dabei ist die Idee, in Deutschland TV-Duelle nach amerikanischem Vorbild abzuhalten, keineswegs neuen Mo­den der Mediennutzung entsprungen. Vielmehr wollte Willy Brandt schon 1969 gegen den da­ma­ligen Kanzler Kiesinger im Fernsehen punkten. Doch auch die späteren Ambitionen der jeweiligen Spitzen­kandidaten der größten Oppositionspartei scheiterten immer wieder am Nein des Amtsinhabers, bis 2002 Gerhard Schröder dem konfrontativen Vis-à-vis zustimmte. Er tat dies freilich in der kalkulierten Annahme, dass sein vor der Kamera hölzern wirkender Herausforderer Stoiber mit seinen gelegentlich un­ge­len­ken Aussetzern schlechter in der Zuschauergunst abschneiden würde als er, Medienprofi Schröder, selbst.

Der Vorschlag, Raab zum Co-Moderator eines solchen TV-Duells zu machen, ist im Grunde genommen, nur der vorläufige Höhepunkt zunehmender gesellschaftlicher Verblödung. Der Eventcharakter der Show do­miniert Sinn und Zweck des Politikvergleichs. Die Botschaften der beiden Kontrahenten spielen eine ge­rin­gere Rolle als ihre Kleidung, als die Frisur von Frau Merkel, die Krawatte von Peer Steinbrück und als die Antwort auf die Frage, wer von beiden die Mundwinkel noch tiefer nach unten gezogen haben wird. Nach dem Duell wird darüber diskutiert, wer häufiger „äh“ sagte und wer dem anderen wie oft ins Wort gefallen ist. Kurz gesagt: Die Fernsehduelle taugen nicht zur Entscheidungsfindung. Die fortschreitende Amerikanisierung des Wahlkampfs funktioniert nicht in unserem System, das sich eben nicht auf eine Wahl zwi­schen zwei Kandidaten reduzieren lässt. Letztlich geht es um das Stimmverhältnis der Parteien im Parlament. Aus dieser Machtrelation resultiert die Bestellung des Regierungschefs. Der Bundestag wählt den Bundeskanz­ler. Deutschland hat eine von den Parteien geprägte Demokratie. Ein Fernsehduell zwischen zwei Spitzenkandidaten ist irreführend. Was wäre denn, wenn die Grünen in Umfragen kurzfristig stärker wären als die SPD? Dann müsste Trittin zum Duell gegen Merkel, nicht Steinbrück. Die Suggestion, dass es irgendwie immer nur um die Entscheidung zwischen einem Kandidaten der Union und einem Kan­didaten der Sozialdemokraten geht, ist demokratiefeindlich, da sie kleinere Parteien eindeutig benachteiligt. Also Schluss mit dem politischen Klamauk. Wir brauchen weder einen Entertainer als Ersatz für guten po­litischen Journalismus, noch braucht es TV-Duelle als Kompensation für fehlende überzeugende Inhalte. Stefan Raab, à la bonne heure, sollte man mit Schmonzes auch nicht behelligen. Dafür ist er zu intelligent.

Carsten Becher M.A.