KW 10 | Schöne heile Börsenwelt

Die Finanzmärkte nach der Wahl in Italien

Italien hat gewählt und Silvio Berlusconi wird zum Schreckgespenst Europas. Dass er erneut Ministerpräsident werden kann, ist zwar eher unwahrscheinlich, doch er ist politisch stark genug, um eine schnelle Regierungsbildung ohne Beteiligung seines Mitte-Rechts-Bündnisses zu verhindern. Dem Land droht der Stillstand. Es ist bereits von Neuwahlen die Rede. Dabei blieb die von den Analysten prophezeite Abstrafung durch die Fi­nanzmärkte aus. Es gab lediglich einen kurzen Rückgang des japanischen Nikkei und der europäischen Indizes, eine temporäre Delle, die jedoch rasch wieder von den Bullen wett gemacht wurde.

Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft in der Europäischen Union, steckt tief in der Krise. Gleichwohl ist es Mario Monti im Laufe des letzten Jahres gelungen, die Kreditwürdigkeit des Landes aufrecht zu erhalten und die Zinsen für italienische Staatsanleihen auf ein erträgliches Maß zu drücken. Italien musste einst­wei­len nicht wie befürchtet unter den Europäischen Rettungsschirm. Nur die Berlusconi-Angst trieb die An­leiherenditen leicht in die Höhe. Dabei machen die jüngsten Ereignisse klar, dass die Krise noch nicht aus­gestanden ist. Indessen machen die Börsianer fröhlich weiter. Die Kurse erklim­men un­geahnte Höhen.

Für den börsenfernen Beobachter mag die Reaktion der Finanzmärkte seltsam sein, und doch folgen sie ei­ner gewissen Logik, die möglicherweise nur dem Spekulanten zugänglich ist. An dieser Stelle sei an Carl Mayer von Rothschild erinnert, den Sohn des legendären Gründers der Rothschild-Dynastie, Mayer Amschel Rotschild, dem der Ausspruch zugeschrieben wird, man solle investieren, wenn die Kanonen donnern und verkaufen, wenn die Violinen spielen. Nun donnern heute zwar keine Kanonen mehr in Europa wie zu Zeiten der Napoleonischen Kriege, aber in unruhigen politischen und wirtschaftlichen Zeiten leben wir allemal. Die damit verbundene Volatilität der Börsen eröffnet hervorragende Chancen auf Gewinne, vor al­lem angesichts des billigen Geldes, mit dem die Zentralbanken der Welt die Märkte fluten. Banken bekommen von Regierungen angesichts ihrer Systemrelevanz eine Art „Ewigkeitsgarantie“, die FED, die EZB und die Bank von Japan geben das Versprechen unbegrenzter Anleihekäufe ab, falls kriselnde Staaten sonst keinen Kredit mehr bekämen. Schöne heile Börsenwelt. Schade nur, dass sie immer virtueller wird.

Die Märkte verfügen über viel zu viel Geld, das angelegt werden will. Da Staatsanleihen zu wenig Rendite abwerfen, während Edelmetalle und Rohstoffe bereits relativ hoch bewertet sind, bleibt fast nur die Spekulation mit Aktien. Deren ständiges Auf und Ab sorgt für gute Schnitte. Ob die Kurse steigen oder fallen, ist eigentlich egal, solange man auf die richtige Richtung wettet. Nur Seitwärtsbewegungen vermiesen das Geschäft. Für die ganz Großen wie George Soros bleibt noch das weite Feld der Devisenspekulation. Der Yen ist bereits ins Visier genommen. Problematisch daran ist, dass dies die japanische Regierung an­schei­nend nicht stört. Im Gegenteil. Japan leidet seit Jahrzehnten an Deflation und unternimmt fast alles, um die eigene Währung zu schwächen und japanische Produkte für den Export zu verbilligen. Zugleich steigen natürlich die Importe des rohstoffarmen Landes, die in Dollar bezahlt werden müssen, an. Trotz anderslau­tender Aussagen der G20-Staaten ist weltweit längst ein Währungskrieg um die billigsten Devisen ausge­brochen. Die angelsächsischen Hedgefonds-Manager sind entzückt. Soros hat seine Milliarden verdient.

Bei alledem sind die Regierungen meist nur noch Zuschauer, Getriebene der Märkte. Währungen werden zerstört, Sparer durch Inflation und geringe Zinsen schleichend enteignet. Das billige Geld fließt nicht in die Wirtschaft, sondern es ruft neue Blasen an den Finanzmärkten hervor. Die Mechanismen der Spekulation sind spätestens seit der Tulpenmanie in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts bekannt. Die Zahl der Finanzinstrumente nahm seitdem sicher zu, aber das Prinzip bleibt das gleiche. So trägt das erste Buch über die Börse, das der Spanier Joseph de La Vega 1688 schrieb, den bedeutsamen Titel „Die Verwirrung der Verwirrungen“. Über dreihundert Jahre später sind die Prämissen des Parketts nicht klarer geworden.

Carsten Becher M.A.