KW 11 | Sturm im Wasserglas

Nordkorea und die Neigung zur Bombe

Das Regime in Pjöngjang lässt verbal die Muskeln spielen. Wohlwissend um die internationale Resonanz te­­stet Nordkorea erneut einen nuklearen Sprengsatz. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen reagierte prompt und verschärfte die Sanktionen gegen das kommunistische Land. Sogar China rückte von Kim Jong Un ab und stimmte für die Maßnahmen der internationalen Staatengemeinschaft. Das ist wirklich neu.

Die politische Führung jenseits des 38. Breitengrads gebärdet sich nun wie ein waidwundes Tier und geht rhetorisch zum Angriff über wie zu Hochzeiten des Kalten Krieges. Die roten Machthaber drohen den USA, der stärksten Militärmacht der Welt, einen atomaren Präventivschlag an. Auch der Nichtangriffspakt mit Südkorea wurde inzwischen einseitig aufgekündigt. Die Kontakte zur Regierung wurden abgebrochen. Eine Entspannung oder gar eine Wiedervereinigung der geteilten Nation rücken dadurch in weite Ferne.

Doch wieder wird es beim Säbelrasseln bleiben. Ein atomarer Angriff gegen Einrichtungen der Vereinigten Staaten käme glattem Selbstmord gleich. Zudem fehlen dem Land nach Ansicht von Militärexperten die technischen Voraussetzungen für eine solche Aggression. Träfe eine Atomrakete In­ter­es­sengebiete der USA, wäre der Gegenschlag verheerend. Ähnliches gilt bei einem konventionellen An­griff auf den Süden. Eine solche Offensive würde Obama wie einen Angriff auf das eigene „Homeland“ werten. Pjöngjang hätte keine Chance, irgendein Ziel zu erreichen, zumal die Rückendeckung aus Pe­king nicht mehr so sicher ist.

Bei alledem nimmt niemand die Drohungen wirklich ernst. In den Medien spielen die Meldungen nur eine untergeordnete Rolle. Auch die Börsen rund um den Globus ignorieren das martialische Geschrei. Es entstammt dem Repertoire von Diktaturen, die viel mehr noch als die Demokratien des Westens zu ihrer Le­gi­timation und zur Aufrechterhaltung des inneren Friedens äußere Ablenkung brauchen. Kim Jong Un lie­fert allenfalls den „Falken“ in den USA einen Vorwand, um endlich gegen seinen unzeitgemäßen Un­frei­heits­staat vorgehen zu können, ohne die Mobilisierung Chinas befürchten zu müssen. Einen solchen An­lass hat vielleicht sogar manch ein Hardliner begrüßt. Die jährlichen Manöver, die gerade wieder mit den südkoreanischen Streitkräften stattfinden, zeigen, dass Amerika kein Schreckensszenario zu erwarten hat.

Carsten Becher M.A.