KW 17 | Das Ich entscheidet

Peer Steinbrück und sein Wahlkampf

Die Zeitarbeitsfirma im Süden der Republik hätte sich unter anderen Umständen geehrt fühlen kön­nen: Wahlkampfprofis wäh­len ihren Slogan als Leitmotiv für die Zeit bis zur Bundestags­wahl. Ein Be­leg dafür, dass der Claim funktioniert. Bloß funktionieren die Wahlkampfprofis leider nicht.

Bekannt ist, dass die Kandidaten der zentrale Erfolgsfaktor in Wahlauseinandersetzungen sind. Man weiß aber auch, dass die Mehrheit der Bürger Informationen selektiv wahrnimmt, so dass sich asso­zia­tive Bewertungen von Spitzenpolitikern ergeben: Steinbrück geht es von Anfang an um Geld (Vor­trä­ge) und um noch mehr Geld (Kanzlergehalt). Steinbrück übernimmt die Selbstaussage einer „aus­beu­­te­ri­schen“ Bran­che. Bald schwinden auch diese bruchstückhaften Zusammenhänge: Steinbrück wird „irgend­wie“ mit Gier in Verbindung gebracht. Wie ungünstig für einen SPD-Mann. Da diese unbewussten Mechanismen hinlänglich erforscht sind, ist es die vor­nehm­ste Aufgabe gut be­zahlter Wahlkampfmanager, die „richtigen“ Wahrnehmungsbruchstücke in der Be­völ­ke­rung zu ver­an­kern und „falsche“ zu vermeiden. Unter diesem Aspekt bisher kein Erfolg.

Der zweite wichtige Faktor jedes Wahlkampfs ist das Wahlprogramm, das der Spitzenkandidat glaub­haft verkörpern sollte. Auch diesbezüglich ist zweifelhaft, ob die gefundene Lösung zum Erfolg führt. Wäh­rend Steinbrück erst als Kanzlerkandidat galt, der CDU und FDP Wähler streitig ma­chen könnte, und der hierfür etwas „Beinfreiheit“ von seinen Getreuen einforderte, wurde später beschlossen, ein „lin­kes“ Programm zu verabschieden und der Partei ein „linkes Gesicht“ zu geben. Der arme Mann muss das jetzt vertreten. Steinbrück soll als Gallionsfigur einer resozialdemokratisierten SPD die Stamm­wähler mobilisieren. Nun ja.

Eigentlich hätte folgendes Szenario erstellt werden sollen: In Zeiten einer gigantischen Finanzkrise, die jede öf­fent­liche Debatte dominiert, betritt ein Sozialdemokrat die Bühne, der Deutschland, Eu­ro­pa und der Welt als ausgewiesener Finanzex­per­te Stabilität verspricht und auf soziale Gerechtigkeit achtet. Ein auf diese beiden Oberziele ausgerichtetes Wahlprogramm hätte diesen Ansatz unter­mau­ern müssen. Anschließend wäre die Streuung von Wahrnehmungsfragmenten erfolgt. Die Frage nach dem Gehalt der Kanzlerin etwa wä­re mit einem Verweis darauf zu beantworten gewesen, dass Po­li­ti­ker, zumal Spitzenleute, sich angesichts der schwierigen Situation der Bürger bescheiden zu geben hät­ten.

Vor dem Hintergrund, dass dieses Konzert aus Inhalt, Person und Verpackung also nicht funktioniert, wird es umso wichtiger sein, dass Steinbrück wenigstens keine katastrophalen Bilder mehr von seiner Per­son in den Köpfen versenkt. Er könnte sich täglich in Erinnerung rufen: Das Ich entscheidet (jetzt).

Dr. Benjamin Teutmeyer