KW 20 | Junge Generation „No Future“

Börsenhausse versus Beschäftigungsbaisse

Seit einiger Zeit reißen die feurigen Meldungen von den internationalen Börsenplätzen nicht ab. Die welt­weit wichtigsten Aktienindizes gehen nur noch nach oben. Ein Rekordstand jagt den nächsten. Auf dem Frankfurter Par­kett erklimmt der deutsche Leitindex neue Allzeithochs. Der Dow-Jones überspringt zum ersten Mal in seiner Ge­schichte die 15.000-Punkte-Marke. Der japanische Nikkei ist zwar noch weit von seinem historischen Höchststand entfernt, konnte aber erstmals seit fünf Jahren wieder die 14.000 Punkte knacken und erfreute seine Anleger in den letzten Wochen gleich mehrfach mit Tageszuwachsraten von zwei bis drei Prozent.

Alles in Ordnung also? Krise überwunden? Mitnichten. Die Experten sind sich einig, dass der Höhenkoller vom bil­­li­gen Geld der Notenbanken lebt. Doch trotz dieses Bedenkens blasen Finanzinvestoren und Spekulanten die Kurse weiter auf. Es gebe eben wegen der Niedrigzinsen derzeit keine gewinnbringende Alternative zu Aktien, so das Argument. Kurzfristig gedacht ist das sicher richtig. Die langfristigen Folgen bedenkt indessen niemand. Im Gegenteil. Selbst Gold ist den Anlegern zu langweilig geworden, obwohl die Furcht vor Inflation, die in der jüngeren Vergangenheit stets als Begründung für den Preisanstieg des Edelmetalls herhalten musste, angesichts einer zunehmenden Geldmengenvermehrung plausibler ist als je zuvor. Die geringfügige Inflationsrate in der Eurozone scheint zwar eine andere Sprache zu sprechen, doch nur solange noch, bis die vielen Milliarden aus dem virtu­ellen Geldkreislauf in die Realwirt­schaft flie­ßen. Die Leitzinserhöhung, die auf Sicht zu deren Vernichtung nö­tig wäre, würde jedes Wirtschaftswachstum im Keim ersticken. Das Folgeproblem expansiver Geldpolitik bleibt.

Die führenden Notenbanker in Frankfurt, New York oder Tokio erklären übereinstimmend, ihre jetzige Politik beibehalten zu wollen, um die Wirtschaft zu stimulieren und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Doch während die Börsen jubeln, ist in Europa nichts von einem Aufschwung zu spüren. Stattdessen vermelden die Vereinten Nationen insbesondere einen immensen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit. Laut UN-Angaben sind weltweit 73 Millionen Jugendliche ohne Job. Besonders hart trifft es die Euro-Krisenländer. In Griechenland sind 64 % der 15- bis 24-jährigen beschäftigungslos. Auch in Spanien hat nur jeder zweite Jugendliche eine Perspektive, in Portugal und Italien sieht es kaum besser aus. Die Regierungen zeigen sich ratlos. Dass gut ausgebildete junge Menschen inzwischen nach Deutschland kommen, weil uns Fachkräfte fehlen, ist kein substantieller Beitrag zur Sache.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit setzt einen Teufelskreislauf in Gang. Menschen ohne Arbeit haben kein Geld, um Produkte und Dienstleistungen zu konsumieren. Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen nicht mehr gekauft werden, stellen keine neuen Mitarbeiter ein oder müssen Mitarbeiter entlassen. Die Zahl der Arbeitslosen wächst also wei­ter. Dem Staat brechen Steuereinnahmen weg, während seine Sozialausgaben steigen. Neue Schulden dürfen und können nicht gemacht werden. Und wer wird einst die Unterstützung für die verarmten Rentner zahlen, die wegen „lückenhafter Erwerbsbiographien“ kaum Anspruch auf ein ausreichendes Altersruhegeld haben? Diese Konsequenzen sind absehbar. Dafür sprechen die Erfahrungswerte. Man muss kein Volkswirt sein, um zu erkennen, dass sich wirtschaftlichen Auswirkungen der katastrophalen Arbeitsmarktsituation in Europa schneller bemerkbar machen werden, als uns lieb sein wird. Die Zerstörungswirkung könnte verheerender sein als die Lehman-Pleite 2008. Dann wird auch kein noch so billiges Geld mehr die Börsen vor dem Ab­sturz bewahren. Aber wer lässt sich heute von solchen Gedanken die Freude an der frohen Rallye vermiesen?

Carsten Becher M.A.