KW 21 | Das Maß aller Dinge?

Deutsch-deutsches Finale in der Champions-League

Als Thomas Müller in der 75. Minute das 3:0 köpfte, war niemand mehr überrascht. Zu leicht wirkte es, wie der FC Bayern den FC Barcelona im Halbfinal-Rückspiel der Champions-League im ei­ge­­nen Stadion auseinandernahm. Die Münchner ließen Xavi, Iniesta und Co. keine Chance. Beide Spie­le ad­diert, siegte die Mannschaft von Jupp Heynckes mit 7:0. Und auch das zweite deutsch-spani­sche Halb­finale sah einen Bundesliga-Klub als Sieger. Nicht ganz so souverän, aber doch auch glanz­voll bezwang Borussia Dortmund Real Madrid. Im Endspiel der Cham­pi­ons-League stehen sich erstmals zwei deutsche Mannschaften gegenüber. Zweifellos ein be­mer­kens­wer­ter Er­folg, aber markiert er wirklich den Führungswechsel, der von einigen Kom­men­ta­to­ren ausge­ru­fen wird? Sind die Roten und die Schwarz-Gelben nun das Maß aller Dinge in Eu­ro­pa? Oder liegt vielleicht doch nur eine Momentaufnahme vor?

Dass im Finale der „Königsklasse“ zwei Teams eines Landes aufeinander treffen, ist nichts Neues. Die Spanier (2000), die Italiener (2003) und die Engländer (2008) haben das schon erlebt. Große Zeiten im Fuß­ball gab es immer wieder. Richtig ist, dass deut­sche Kicker Mitte der 90er Jahre zuletzt die eu­ro­päische Rangliste prägten, kulminierend im Gewinn der Europameisterschaft 1996, in Triumpf von Borussia Dortmund im Europapokal 1996 sowie von Schalke 1997. Danach gaben die italienischen Klubs den Ton auf dem Kontinent an. Später waren die Ver­tre­ter der englischen Premier League füh­rend und zuletzt waren vor allem die Spanier sowohl mit ihren Clubs als auch bei Länderturnieren der Maßstab. Die Leistungen der deutschen Fuß­bal­ler fielen demgegenüber unspektakulär aus. Die Vereine spielten in den Europapo­kal­wettbewerben lange nur die zweite Geige. An die Auftritte der Nationalmannschaft bei den Welt- und Europameisterschaften bis 2004 ist besser nicht zu er­in­nern.

Nichtsdestotrotz hatte diese „Rumpelfußballer-Phase“ auch ihr Gutes: Die heutige Stärke verdankt sich den Leh­ren, die aus dieser Episode gezogen wurden. Der gezielte Ausbau von Fußballinternaten und die nachhaltige Förderung junger Talente erklären maßgeblich das derzeitige Überangebot hoch begabter deutscher Kicker. Davon profitieren sowohl die Vereine als auch die Nationalelf. Dabei ist aber nicht zu vergessen, dass prägende Spieler beider Champions-League-Finalisten nicht die deut­sche Staatsbürgerschaft besitzen. Beim FC Bayern sind neben Lahm, Schweinsteiger und Müller der Fran­zose Ribéry, der Niederländer Robben, der Spanier Martinez und der Bra­silianer Dante Stützen des Teams. Dortmund ist ohne die Polen Lewandowski, Blaszczykowski und Pisz­czek nicht zu denken.

Und um wirklich von einer großen deutschen Fußballära in Europa sprechen zu können,  müsste auch die Nationalelf endlich beweisen, dass sie zu mehr als nur respektablen Platzierungen fähig ist. Doch der Truppe von Bundestrainer Löw fehlt bislang noch das, was die Bayern und der BVB in Perfektion verkörpern: die Siegermentalität. Löw hat der Mannschaft das Schönspielen beigebracht und sie wie­der zu einer Top-Adresse im Weltfußball gemacht. In den entscheidenden Spielen fehlte je­doch der letzte Biss. Da haben andere Nationen noch die Nase vorn. Alles in allem wäre es also vor­schnell, eine längere Dominanz des deutschen Fußballs in Europa vorherzusagen. Der Fußballgott ist launisch. So können im nächsten Jahr schon wieder ganz andere Mannschaften die Pokale gewinnen.

Dirk Lichte M.A.