KW 23 | Wirren der Wirtschaftsordnung

Eckart von Klaeden wechselt zur Daimler AG

Stellungswechsel aus der Politik in die Wirtschaft sind an sich nichts Spektakuläres, muten jedoch mit­un­ter ver­wun­der­­lich an. Spitzenposten werden auf beiden Feldern durchaus fachfremd besetzt: Vorstände aus der Au­­to­mo­bilbranche gehen zu Dienstleistungsriesen, Chefs aus der Finanzbranche heuern bei Lo­gi­sti­kern an. Obwohl ein ordentlicher Branchenhintergrund gern gesehen wird, ist die dezidierte Erfahrung mit der Materie in der Geschäftsleitung sehr großer Unternehmen offenbar nicht zwingend erforderlich.

Dies eröffnet eben auch Parteileuten den Weg ins richtige Leben. Eckart von Klaeden ist jedenfalls, vor­sichtig for­mu­liert, kein ausgewiesener Experte in seinem künftigen Job. Man riecht kein Benzin im Blut. In Berlin hat er sich erst mit Au­ßen­po­­litik befasst und danach als Staatsminister im Kanzleramt eine Funktion erfüllt, die im Sy­­stem unserer Grande Dame von elementarer Bedeutung ist: Im Hinter­grund still und leise und pragma­tisch Informationen ziehen, die In­ter­essen der Ministerien orchestrieren, potentiell schäd­li­che öf­fent­liche De­bat­ten unterdrücken und hin­ter  verschlossenen Türen mit der Op­po­si­tion verhandeln. Herr von Klae­den hielt Frau Mer­kel den Rücken frei. Da dies seine Haupt­auf­ga­be war, hat er seinen Job gut be­herrscht.

Die hierfür erforderlichen Eigenschaften scheinen Vorstand und Aufsichtsrat von Daimler als hinrei­chen­de Qualifikation für die Berufung zum sogenannten Außenminister ihres Hauses zu werten. Da­bei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Weder Automotive-Affinität noch die dokumentierte Fä­higkeit, einen Kon­zern erfolgreich zu steuern, zeichnen den designierten Industriediplomaten aus. Nicht einmal als bril­lan­ter Rhetoriker oder als charismatischer Übermittler der Marke CDU ist er in Er­scheinung getreten, so dass er nun imagefördernd als Gesicht von Daimler fungieren könnte. Es gibt da­her nur zwei Mög­lich­keiten, die pro­minente Personalie der Weltfirma zu deuten: Variante eins hieße, die Daimler AG hätte im „Executive search“ falsch rekrutiert. Variante zwei scheint wahr­scheinlicher. Im Rahmen gigantischer glo­ba­ler Struk­turen trägt es sehr zum Umsatz bei, wenn hohe Re­präsentanten samt Apparat vor­nehmlich dem Zwecke dienen, persönliche Kontakte zu den Ent­schei­dungsträgern in der Regierung, im Bundestag und im par­la­men­tarischen Umfeld zu pflegen. Dass dies geschäftsförderlich ist, kann nie­man­den überraschen. Dass ein solches berufsnotorisches Netz­werk zu besitzen allerdings reicht, um an die Spitze von Dax-30-Schwer­ge­wichten zu gelangen, ist im Hin­blick auf unsere Wirtschaftsordnung be­mer­kenswert. Was bedeutet es denn, wenn die besondere Begabung, Produktinnovationen zu fördern, Märk­te einzuordnen und seinen internationalen Wett­be­werb zu analysieren etc., keine Rolle mehr bei der Be­setzung von Führungskadern spielt und, man denke, wenn sich eine solche Vorgehensweise nicht ein­mal als Personalent­wick­lungs­feh­ler er­wie­se? Die soziale Marktwirtschaft sah offenen Lobbyismus ursprünglich nicht als Er­folgs­faktor vor.

Es mag lohnender sein, hierüber nachzudenken, als darüber zu sinnieren, dass ein Berufspolitiker erneut dank Beziehungen einen hoch dotierten Posten antreten wird.

Dr. Benjamin Teutmeyer