KW 24 | Brot und Spiele

Politik und Fußball im Zeichen der Krise

Die schon von den römischen Kaisern praktizierte Strategie, das Volk durch Megaevents von ökonomischen und politischen Problemen abzulenken, ist nach 2.000 Jahren aktueller denn je. Auch wenn die heutigen Staatsmänner und Staatsfrauen die „Spiele“ nicht mehr selbst ausrichten wie einst die Cäsaren, so verstehen sie doch die Zeiten, in denen der Fußball in Europa rollt, für Ihre Zwecke zu nutzen. So trifft sich gut, dass die ohnehin verkürzten Nachrichtensendungen in der Halb­zeitpause des Spiels Deutschland gegen Portugal fast beiläufig erklären, dass Spanien nun doch nach langem Zögern 100 Milliarden Euro aus dem EU-Rettungsfonds beantragen werde.

Wochenlang war aus Madrid zu hören, dass das Land keine Mittel aus dem EFSF brauche. Man werde die Probleme allein lösen können, haben Regierungschef Rajoy und sein Wirtschaftsminister uni­­sono verkündet. Doch kaum wird in Warschau die UEFA-Fußball-EM angepfiffen, soll das Geld aus Brüssel nun fließen. Wieder einmal sind Banken zu retten. Doch anders als Irland, Griechenland und Portugal soll der Staat mit den maroden Instituten keine weiteren Sparauflagen zur Sanierung seines Haushalts erfüllen, was niemand mehr ernsthaft aufzuregen scheint. Im Gegenteil. Die Märkte ju­beln, weil sie erneut mit billigem Geld geflutet werden. Es herrsche Erleichterung, so die Meldungen vom Tage. Auch Finanzminister Schäuble ist wohlauf. Er sieht Spanien auf einem gangbaren Weg raus aus den Schulden. Die SPD sekundiert, die Rettung der iberischen Kreditwirtschaft sei im deutschen In­teresse.

Und die veröffentlichte Meinung? Wo sind die fetten Lettern von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung, die eben erst so fleißig auf die „faulen“ Griechen eingestiegen ist? Nein, nur keine Panik in den Me­dien! Alles wird, wie es soll. Schweinsteigers harte Wade ist wieder weich, die Bayern-Spie­ler haben das verlorene Champions-League-Finale überwunden und die deutsche Abwehr hat in Hummels wieder einen starken Mann.

Aufatmen also der Politik. Es wird (auf Sicht) keine Wutbürger auf den Straßen geben, die gegen harte Auflagen für sie und Hängematten für die Banken demonstrieren. Die Menschen haben ja im Mo­ment al­les, was es zum Menschsein braucht: Panem et circenses, Brot und Spiele. Unlautere Schul­­den, Staats­bankrotte und Inflation scheinen (fast) nichts angesichts der schönsten Nebensache der Welt. Und noch ein Trost für Geber und Nehmer, speziell im Namen von Italien: Am 27. Juli beginnen in London die nächsten Spiele!

Carsten Becher M.A.