KW 24 | Kontraproduktive Effekte

Gute Unternehmer und das billige Geld

Hat die Bundesregierung durch ihre Politik zur Eurorettung gegen das Grundgesetz verstoßen? War die Zu­stimmung des Parlaments zum ESM verfassungswidrig? Die Juristen sind uneins wie stets. Ausschlaggebend scheint die Perspektive. Wie so oft soll „Karlsruhe“ diese politisch und juristisch strittigen Dinge letzt­gültig klären. Diese Woche sitzt die Europäische Zentralbank auf der Anklagebank. Nicht de jure, doch de facto. Das Bundesverfassungsgericht hört unter anderem den deutschen EZB-Direktor Asmussen und Bundesbankpräsident Weidmann als Sachverständige in dem Punkt, ob die europäische Notenbank durch den (quasi unbegrenzten) Ankauf von Staatsanleihen gegen ihr Statut und europäische Verträge verstößt.

Unabhängig von der juristischen Bewertung der Legitimität einer vermeintlichen Staatsfinanzierung durch die Notenpresse ist der volkswirtschaftliche Nutzen zu betrachten. Doch auch hier bieten die Volkswirte dis­parate Bewertungen. Ihre Aussagen sind sehr schön natio­nal­ökonomischen Denkschulen zuzuordnen. Während die Monetaristen Zeter und Mordio schreien und allenthalben Inflationsgefahren wittern, fürchten die Keynesianer ein Ende des billigen Geldes, das ihres Erachtens dringend zur Erholung der europäischen Wirtschaft nötig sei. Mario Draghi ist jedenfalls mit sich zufrieden. Die Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zen­tralbank, Anleihen von Schuldnerstaaten der Eurozone notfalls in unbegrenzter Höhe aufzukaufen, um die Zinslast für diese Schuldnerstaaten zu domestizieren, hat ihren Zweck erfüllt. Die Zinsen für Papiere aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal haben sich einstweilen normalisiert.

Dankbar für die expansive Geldpolitik zeigten sich jedoch vor allem die Finanzmärkte, die ein wahres Kursfeuerwerk zündeten. Warum also die Aufregung? Die ominösen Märkte haben sich beruhigt. Die Speku­la­tion, ja. Aber die Wirtschaft? Sie schrumpft unverändert in der Eurozone, auch wenn Deutschland statistisch noch leicht wächst. Indessen zeigen sich Unternehmer keineswegs erfreut über die Flut des billigen Geldes, das auf dem Börsenparkett zirkuliert statt sinnvoll Investitionen zu fördern. In diesem Sinne hat auch die „Stiftung Familienunternehmen“ der Niedrigzinspolitik der EZB mit dem Argument strikt widersprochen, dass sie Unternehmer zu falschen Investments verführe. Die Anleihekäufe förderten das schädliche Verhalten, den verschuldeten Staaten ihre Verantwortung für eine solide Finanzpolitik zu nehmen.

Die Kritik von Unternehmern ist nicht so überraschend wie es für „Otto Normalverbraucher“ scheint, da man meinen könnte, dass sich die Wirtschaft über niedrige Zinsen grundsätzlich freut. Doch schon zu Be­ginn der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts schrieb der 1881 in Böhmen geborene Ökonom Arthur Salz, dass künstliche Kreditschöpfung die Gefahr berge, dass dieses Kapital zu leicht in die Hände schlechter Unternehmer gelange und damit letztlich volkswirtschaftlichen Schaden anrichte. Er warnte vor steigen­den Preisen, wenn diese eine Folge von Kreditinflation seien. Statt dessen plädierte er für sinkende Preise, da diese für eine bessere Unternehmerauslese sorgten. Bei hohem Preisniveau sei es keine Kunst, als Unternehmer erfolgreich zu sein. Erst in Zeiten niedriger Preise entfalte sich die schöpferische Qualität des Unternehmers, zumal auch die Banken sorgfältiger in der Auswahl ihrer Schuldner zu sein hätten.

Vereinfacht ließe sich also sagen, dass billiges Geld volkswirtschaftlichen Unsinn erzeugt, während ein echter Marktwert des Geldes in Form angemessener Zinsen, die reale Risiken des Schuldners abbilden, in der Unternehmerschaft die Spreu vom Weizen trennt. Insofern ist es beruhigend, dass Familienunterneh­mer in Deutschland ein Ende des billigen Geldes fordern. Diese vernünftige Haltung spricht für ihre Stärke.

Carsten Becher M.A.