KW 26 | Rückkehr zu realen Zinsen

Die amerikanische Notenbank ändert ihre Politik

Noch ist gar nichts passiert: der Chef der US-Notenbank hat lediglich ange­deu­tet, sei­ne extrem ex­pan­sive Geldpolitik bis 2014 zurückzufahren. Kein abruptes Ende also. Die Rede war von der Mög­lich­keit, noch 2013 weniger problematische Papiere zu kaufen. Dabei pumpt die FED nach wie vor jeden Monat stolze 85 Milliarden Dollar in Staats- und Hypothekenanleihen. In Anbe­tracht der leicht anziehenden Konjunktur in den USA kann die Ab­sicht freilich nie­man­den überraschen. Im fünf­ten Jahr der großen Krise ist die vor­sich­tige Thematisierung einer Anhebung des historisch nied­ri­gen Zinssniveaus un­um­gäng­lich. Die ein­zi­ge Frage, die Ben Bernanke – oder sein Nachfolger – ab­wä­gen muss, ist der Zeit­punkt für diese Kehrt­wende: hört die Frei­gie­bigkeit zu früh auf, droht der zag­haf­te Auf­schwung im Keim zu ersticken. Kommt sie zu spät, bilden sich am Finanz­mark­t neue Blasen.

Die Geldschwemme der letzten Jahre hat die globalen ökonomischen Prozesse in schwierigen Zeiten sta­bi­­lisiert. Dass nun die Einschätzung folgt, die Flut sukzessive eindämmen zu können, ist als Aus­druck von Ver­trau­en in die Kraft amerikanischer Unternehmen zu verstehen. Nachdem die Hausse an den Börsen vor allem dem Umstand geschuldet war, dass die immense Liquidität keine an­de­ren viel versprechenden An­lagemög­lich­keiten fand, soll­ten nach der kurzen, schreckhaften Verschnaufpause der letz­ten Woche neue Kurs­phan­tasien er­wa­chen, die nun wieder auf der avisierten Robustheit der Real­wirt­schaft beruhen.

Die Marschrichtung ist klar. Die Europäer werden kaum bald nachziehen können, um die Kon­so­li­die­rung der unter Druck geratenen Volkswirtschaften der Eurozone nicht noch mehr zu ge­fähr­den. Aber auch hier gilt, dass die milliardenschweren Stützungsmaßnahmen durch die Zentral­bank und die nied­rigen Zinsen keine Ewigkeitsgarantie haben. Die Amerikaner beginnen den Rück­weg in die Normalität. Für Spe­­­ku­lanten eine Enttäuschung. Für echte Investoren grundsätzlich eine gute Nachricht, zumindest scheint es so.

Johann Oettinger M.A.