KW 32 | Jeden Tag Weltuntergang

Medienkritische Anmerkungen eines Unzufriedenen

Wohlfeile Jahresrückblicke, die im Advent begegnen, lassen den gemeinen Konsumenten denken: Ein Glück für mich! Das ist ja eben noch mal gutgegangen. Meine kleine Welt ist heil. So verrückt und so ka­ta­stro­phal, wie ich es gerade wieder einmal erfahren habe, kann es auf die­ser Welt aber nicht blei­ben! Die Stilmittel der maßlosen Übertreibung und der Gleich­­be­hand­lung von bedeutsamen und be­lang­losen Dingen, die engagierte Abhilfe verlangen, völlig irrelevant sind oder gar nichts be­sa­gen, be­wir­­ken Schauder und Kitzel ohne wirklichen Grund. Und sie führen zu nichts. Der Schrecken ist Teil unserer Wahr­neh­­mung ge­wor­den. Dabei werden uns ständig klei­­ne, mittlere und große Ereig­nisse verschie­den­ster Kategorien ver­­mel­det, die als Posaunenschall des nahenden En­des von al­lem gehört wer­­den wollen, obwohl sich ihr nachricht­li­cher Nährwert regel­mä­ßig als rasch ver­gäng­lich er­­weist.

Viele News-Häppchen, die uns bunt und journalistisch obsolet mit Überdruck verabreicht wer­den, in der Pres­se, in der Tagesschau, im Heutejournal, auf NTV, bei Bloomberg und Konsorten, vom Internet ganz zu schweigen, sind blanker Unsinn gemessen daran, dass Außergewöhnlichkeit allein kein Kri­te­ri­um für Befassung ist. Wenn Krieg in Syrien herrscht, dann möchte niemand nah dabei sein, um Bil­der ty­pi­scher Kriegshandlungen zu sehen. Die effekthaschende Visualisierung furchtbarer Grau­sam­keit kann nichts als das mittelalterliche Geschehen hilflos zu konfirmieren. Indessen steht die Alter­na­tiv­losigkeit von Frieden für jeden gut mei­­nen­den Menschen hoffentlich fest. Merkwürdig ist daher, wie unge­rührt wir die blinde Wort- und Bilderflut akzeptieren. Eine Frage von Schicksalsergebenheit?

Eher Abstumpfung. Die Programmmacher im TV, der Boulevard und manche Leitartikler glauben of­fen­bar, dass ihr passives Publikum dauernd mitleiden, ja schockiert werden will. Das ist sicher falsch, doch in Anbetracht der Vielzahl ech­ter und vermeintlicher Tsunamis, die gegen die mentale Kaimauer bran­den, müssen die Denkorgane streiken. Nicht, dass es nichts Bemerkenswertes gäbe. Nicht, dass das Le­ben frü­her besser gewesen wäre. Es war einfacher, geordnet und priorisiert. Es gab klarere Un­ter­­scheidungen. Es war kein Pot­pour­ri aus wenigem Wichtigen, lauter Aufregungen, hysterischen Ap­pel­len, ablenkender Irreführung und reinem Quatsch. Insofern gehört das Liebesleben junger bun­des­­deut­­scher Ruderinnen nicht auf dieselbe Eskalationsstufe wie das Morden in Aleppo. Die Themen, über die wir uns entrüsten müssen und die unsere Gegenwehr erfordern, gehen unter in den „fakes“.

Unsere Apathie unter dem Trommelfeuer fehlbewerteten Geschehens erklärt sich als Übersättigung in­folge apokalyptisch aufbereiteter, sachlich obszöner Informationsvöllerei, die nichts kann und will als davon abzuhalten, nachhaltige Veränderungen der allgemeinen Zustände auf diesem Planeten zu be­treiben. Das ist die politische Dimension. Im Zeichen des medialen „Überall-Dabeiseins“ gibt es kei­nen greifbaren Fortschritt im Sinne einer humanen, ökologischen, gerechteren Gesamtentwicklung mehr. Bürgerinnen und Bürger werden um ihre Initiative gebracht, von den Mächtigen ihrer Län­­der solche Bekenntnisse, Beschlüsse und Taten zu fordern. Das kritische Bewusstsein wird uns ge­raubt.

Tobias Jansen M.A.