KW 36 | Personenkult und Klischees

Der amerikanische Wahlkampf in den Medien

In der heißen Phase der Präsidentschaftskandidatenkür der republikanischen Partei wurde die Welt bevorzugt mit absonderlichen Auffassungen und Fehltritten sowie mit der Bigotterie und der Ig­noranz der Be­wer­ber befasst: Mehr ein Kuriositätenkabinett als seriöser Politikbetrieb. So schien es zumindest. Newt Gingrich glänzte in der Presse mit seltsamen Ideen. Unter anderem la­gen ihm Kolonien auf dem Mond und Laser­attacken auf Nordkorea am Herzen. Rick Santorum machte als Glaubens­krie­ger von sich reden. Als Kämpfer gegen Abtreibung, gleich­ge­schlecht­li­chen Sex und Gewissen­lo­sig­keit fiel er mit forschen Sprüchen über Schwule und Plä­doy­ers für Got­tes­furcht auf. Ron Paul geisterte als zügelloser Kapitalist durch die Gazetten, während er für die Wieder­ein­­füh­rung des Goldstandards, für absonderliche Steuersenkungen sowie für die Be­schränkung der Staatsge­walt auf die Sicherung von Freiheit stritt. Gekrönt von seiner Aussage, Weisungen allein von himmlischen Mächten annehmen zu wollen. Last, but not least, Mitt Rom­ney, der nun bestimmte Herausforderer Barack Obamas, der so linkisch agiert, dass ihm seine Frau, ein „All ameri­can girl“ aus dem Bilderbuch, die Claqueure präparieren muss. Er hat sich mit megalomanen At­ti­tüden bezüglich der glo­ba­len Führungsrolle der USA, mit haltlosen Ver­spre­chun­gen, Millio­nen Jobs zu schaffen, und Gefühlskitsch hinsichtlich von Elternliebe durch­gesetzt.

Für Europäer gleicht diese turnusmäßige Politshow einem Panoptikum, das alle Vorurteile ak­tua­li­­siert, die man mit dem Kontinent, seinen Repräsentanten und Menschen hegen darf: Ein Land der begrenzten Möglichkeiten, in dem Sonderlinge und Sektierer als Stim­men offenbar großer Min­­derheiten Mehrheitsfähigkeit begehren, wobei stets der Schematismus siegt: Am Ende gibt es ein Ergebnis mit starkem Kontrast, das im TV leicht vermittelbar bleibt. Der schlichte Rom­ney gegen den smarten Obama, dessen Werte und Überzeugungen uns zumindest erklärlicher sind.

Doch kann es sein, dass eine Nation mit umfassendem Zugang zu Informationen so einfach zu manipulieren und zu ka­rikieren ist, durch eine Berichterstattung, die keine Meinungsbildung betreibt, indem sie Po­pu­listisches statt relevan­ter Fakten vermeldet? Je exzen­tri­scher die Prota­go­ni­sten reden, desto besser vermarkten sich die News. Nach hinten tritt, dass der als un­ge­lenk begegnende Rom­ney als Gouverneur in Mas­sa­chu­setts für einen ausgeglichenen Haushalt sorg­te, dass er eine Gesundheitsreform betrieb, die Obamas Plänen in wichtigen Punkten ent­sprach, und dass er ein Bildungsmodell favori­siert, dass Eltern erlaubt, die Schule für ihr Kind frei zu wäh­len. Lau­ter Dinge also, die in jeder Demokratie vernünftig sind. Wir in Deutschland aber ler­nen ihn mit extrem anmutenden Positionen auf Nebenschauplätzen kennen, als je­mand, der im Großen und Ganzen Sprüche klopft. Romney wird von den Sendern auf ihren Bedarf re­du­ziert.

In diesem Verhalten drückt sich auch eine Arroganz gegenüber Amerika aus, die daher rührt, dass sich Europa als Wiege westlicher Wertvorstellungen den USA geistesgeschichtlich und mo­ra­lisch über­legen wähnt. Diese Haltung verhindert, dass wir die Mentali­täts­tra­dition jen­seits des At­lantiks verstehen, die Emotionen bewusst adressiert, um Erregung zu Patriotismus zu ma­chen.

Christina Rothstein M.A.