KW 38 | Probleme eines Zwitters

Das merkwürdige Streikbegehren der Ärzte

Ärzte leiden nicht eben unter Niedriglöhnen. Von der Diskussion darüber, ob eine staatlich ver­ord­ne­te Untergrenze ein zulässiger Markteingriff ist, sind sie nicht betroffen. Ihre Honorare bilden sich jedoch auch nicht im klassischen Sinne am Markt, nicht durch Angebot und Nach­frage und nicht im Wege von Tarifverhandlungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Die Schwierigkeit liegt in der Natur ihrer „Dienstleistung“: Die einen sprechen von Gesundheits­öko­no­mie, die anderen vom Gesundheitswesen. Für die einen ist die medizinische Betreuung in Deutsch­land Teil der staatlich garantierten Daseinsfürsorge und damit jedem Wettbewerb entzogen, für die anderen ist sie ein stark nachgefragtes Gut, dessen Darbietung große Qualifikation er­for­dert und dementsprechend teuer sein muss. Der deutsche Gesetzgeber hat diesbezüglich ent­schie­den, sich nicht zu entscheiden. So koexistieren etwa die gesetzliche Krankenversicherungspflicht und die nach oben unbegrenzten Optionen privater Zusatzversicherung. Der wirtschaftliche Erfolg einer pri­vaten Praxis hängt zwar mit dem Aufkommen ihrer „Kunden“ zusammen, doch der Zuspruch bleibt ohne Relevanz für die Preise, was manche Patienten naturgemäß auch ausschließen würde. Der poli­ti­sche Zwitter dieses Systems ist eben beides: Wirtschaftszweig und Grundleistung von Vater Staat.

Insofern wirkt es auch etwas hilflos, wenn Ärzte streiken, da Leistung und Entlohnung in keiner di­rekten Bezie­hung zueinander stehen: Die Mediziner können den Kranken zwar ihr Know-how vor­ent­hal­ten, aber nicht denen, die sie finanzieren, nämlich den Krankenkassen. Diejenigen aber, die in der (gesetzlich verord­ne­ten) Geschäftsbeziehung zu den Krankenkassen stehen, und die mittelbar für die Ausschüttung der Ho­norare an die Ärzte sorgen, die Patienten, sind zwar mit verschlossenen War­te­zim­mern kon­fron­tiert, werden in der Frage der fairen Gehaltsermittlung aber gar nicht ge­hört.

Solange also die Gesundheitsversorgung in Deutschland nicht zu einer entweder von Beamten zu erbringenden ho­heit­lichen Aufgabe oder zu einer Leistung am freien Markt erklärt wird, werden wir merkwürdig anmutende Arbeitskämpfe erleben, die das Ziel haben, eine öffentliche Ausein­an­der­set­zung anzustoßen, an der sich jedermann beteiligen und die „irgendwie“ zu einer Stimmungslage führt, die neue Honorare hervorbringen kann. Als Preis dafür, Medizin für jedermann zugänglich zu hal­ten ohne den wettbewerbsinduzierten Fortschritt in derselben  ganz zu opfern, ist ein wenig Merk­wür­dig­keit freilich angemessen. Systemische Zwitter haben halt ihre eigene Identität.

Dr. Benjamin Teutmeyer