KW 42 | Verdammt zur Spritzenleistung

Lance A. und der internationale Radsport

Die sportlichen Regelverstöße von Lance Armstrong und Konsorten sind nun in allen Einzelheiten of­fi­zi­ell dargestellt worden. Schockierend ist das ja schon lange nicht mehr. Was allenfalls noch wundert, ist, dass es solange gedauert hat, bis auch die letzte glänzende Ikone vom Thron der Pedaleure ge­stürzt worden ist. Der zu Ruhm und Ehre und Reichtum gekommene De­lin­quent nimmt’s hin, da er doch eigentlich nur in strikter Folgerichtigkeit das perfektioniert hat, was auf Bahn und Straße gang und gäbe ist, wie überhaupt in allen medial verwertbaren Disziplinen, die mit Geldern von Spon­so­ren­ und Werbepartnern auf­gepumpt worden sind, bis die Pneus halt platzen. In der Leichtathletik bei­spiels­weise steht das vermutlich nur noch in großem Stil bevor.

Hat es denn aber zu irgendeinem Zeitpunkt gutgehen können, mit Ehrlichkeit und Fairness im Pro­fi­tum? Hat der Gedanke eines sau­be­ren Leistungsvergleichs auf dem Rad, auf dem Rasen und auf der Aschenbahn jemals eine größere Halbwertzeit gehabt als eine Schneeflocke in der Glut? Die Guten sa­gen, dass es zur Beglaubigung gesellschaftlicher Werte bestimmter Regeln bedarf, die zum Wohle al­ler nicht verletzt werden dürften. Die Bösen sagen genau dasselbe, handeln aber vorsätzlich nicht danach ohne persönliche Verantwortung zu suchen. Radler dopen, weil ihre Radlerkollegen dopen. Sprinter dopen, weil im Startblock nebenan auch absurde Muskelpakete sitzen. In vielen Trikots ein of­fi­zi­el­ler Wettbewerb unter ethisch korrekten Athleten und ein inoffizieller Wett­­bewerb unter Täu­schern, Pfu­schern und Betrügern. Die Versuchung, Parallelen in andere Bereiche zu ziehen, ist groß.

Die Ausrede ist oft gleich: Wenn man heute noch mithalten wolle, sei man dazu gezwungen, zu lei­stungs­fördernden Substanzen zu greifen, um die faktische Ungleichheit auszugleichen, die sich der kri­­minellen Energie der übrigen Starter verdanke. Tue man dies nicht, falle man zurück. Fliegt man un­ter diesem vermeintlichen Sachzwang auf, ist man freilich draußen, aus seinem Team, aus sei­nem Sport und erstmal auch aus der Akzeptanz. Bei alledem ist offenbar für jeden, der es wis­sen will, dass seit eh und je vielerorts unlauter nachgeholfen, aber nirgendwo zugegeben wird, dass es so ist wie es ist. Mit Ausnahme vielleicht noch des Bodybuildings. Arnold Schwarzenegger sprach bereits vor Jahr­­zehnten bereitwillig von seinem Steroidkonsum, allerdings unter dem Vorzeichen, dass das da­mals „ja net verbodn woar“. Dafür gab es seiner Zeit schon reichlich Erfahrung mit Stimulanzien jedweder Art. Es war „Kalter Krieg“, und die Drogen, die im kalifornischen Venice Beach die Muskeln sprießen ließen, waren baugleich mit den Anabolika, die auf Wunsch Washingtons in repräsentativen Sport­ar­ten an die eigene Mannschaft verabreicht wurden, um dem starken Ivan – selbst bis in die Haar­spit­zen gedopt – im Län­der­kampf beizukommen. Was zählte, waren Siege und Überlegenheit, abstrakt.

Olympia-Baron Pierre de Coubertin hatte die turnusmäßige Leistungsschau der Jugend der Welt noch als ideale Übung zur Überwindung nationaler Ressentiments vor Augen: Schneller, höher, weiter im Sinne friedlich-schiedlicher Versöhnlichkeit. Heute hingegen dominiert ein interessantes Neben­ein­an­der gesellschaftlich geforderter Gleichheit unter humanem Aspekt und ökonomisch geförder­ter Ungleichheit, die zumindest in der westlichen Hemisphäre einen Mythos konsumorientierter Selbst­ver­wirklichung schuf. Jeder ist sich selbst der Nächste, egal, um welchen Preis. Zur Durchführung die­ses Prinzips scheinen alle Mittel und Wege recht, mit dem Resultat, dass der Starke gewinnt und der Schwache verliert, so wie am Anfang der Menschheitsgeschichte. Kubricks Raum­schiff wird wieder zum Knochen.

Ist also das Credo brüderlichen Einverständnisses im Sport doch nur ein Miss­ver­ständ­nis? Oliver Wendell Holmes, amerikanischer Essayist und Zeitgenosse Coubertins, merkte ein­mal an: „Ich he­ge keine Achtung für die Leidenschaft der Gleichheit, die mir nur als Idealisierung des Neides er­scheint.“ Das mag man so sehen. Gleiche Chancen jedes Einzelnen aber auf Teilhabe darf man sich wünschen. Gleiche, gesunde Voraussetzungen im Leistungssport sicher auch. Sonst sollte man zumin­dest den Na­men der Betätigung ändern.

Tobias Jansen M.A.