KW 33 | Feuer und Flamme

Kritische Nachbetrachtung der Olympischen Spiele

Die Jugend der Welt ist wieder daheim. Große Teile der deutschen Mannschaft liefen luxuriös auf der „MS Deutschland“ in Hamburg ein, um von euphorisierten Fans begrüßt zu werden. Zuvor soll es an Bord eine „wilde Abschlussparty“ gegeben haben. Ja, was denn sonst, wenn doch schon die Abschlussfeier in Lon­don insbesondere Partycharakter hatte? Ver­gnü­gung als Zweckentfremdung eines historisch von ei­nem gewissen Pierre de Coubertin einst ganz anders begründeten Zwecks. Der tiefere Sinn der Übung wird als Ausgelassenheit gelebt. Dies nur eine der vielen Irritationen. Was also sollte sein, was war und was bleibt?

Zunächst einmal war uns wie stets vor solchen Ereignissen unbändiges Chaos angekündigt worden, mit unbezahlbaren Übernachtungspreisen, Verkehrsinfarkt und Sicherheitsproblemen im Rahmenprogramm. Die britische Metropole schien nicht wirklich ein Ort „to go“. Im Nachhinein war nun an­geb­lich nichts von alle­dem. Zudem mussten wackere Journalisten unser Innen­mi­ni­sterium eilig auf dem Kla­geweg zwin­gen, sei­­ne erstaunlichen Medaillenplanungen mit den Sportverbänden publik zu machen. Das bekannt ge­wor­­de­­ne Miss­ver­hält­nis von „Soll“ und „Ist“ in Gold, Silber, Bronze spricht gegen eine realitäts­na­he Mit­tel­ver­wen­dung, auch wenn dies keinen der Verantwortlichen feststellbar stört. Über­haupt sind mehr Fra­gen zu stellen an die Ziele, an die Methoden und an die handelnden Menschen als ge­gebene Aus­künf­te zu tei­len.

Der naive Impetus, Amateure aller Nationen würden um der Sache selbst Willen in fairem Wettstreit ihre Be­sten in den Kör­perertüchti­gungs­­diszi­pli­nen ermitteln, ist Fiktion. Vollprofis beider Geschlechter, die ihre Spe­zial­be­ga­bun­gen knallhart optimieren (lassen), dominieren das Geschäft. Tatsächlich hat man es in der scheinbaren Un­­schuld kurzer Hosen und luftiger Leibchen einerseits mit einem durch­kal­ku­lier­ten Mus­kelspiel von Macht und Märkten zu tun, das unter dem hehren Vorwand der Völ­ker­ver­stän­digung na­tio­nal­­po­li­ti­schen und kom­merziellen Interessen dient, andererseits begegnen die no­to­ri­schen Verlierer aus den vie­len sportmediokren Län­dern, die Mi­ni­de­legationen der Habenichtse und der Exo­ten unseres Pla­­ne­ten in rüh­­rendem Kontrast. Für sie mag das Da­beige­we­sen­sein im Vorkampf un­frei­willig altmodisch noch etwas sein, nur was und mit welchem Gewinn? Die „Top ten“ im Sieger­ran­king, lauter Indu­strie­­­na­tio­nen und ein maß­lo­ses Schwellenland auf Platz zwei, heim­sten mit Mann­schaften und Tross in Ba­tal­lions­stärke über die Hälfte al­ler Auszeich­nun­gen ein. Eine Bestätigung der realen Saldo­situa­tion auf dem Glo­bus. Viel kann of­fen­bar doch viel, wenn die finanziellen Dimensionen stimmen und wenn die Hem­mun­gen, sich aller verfügbaren Hilfen zu bedienen, kapitalismuskonform ad acta gelegt worden sind. Vom Heimvorteil gar nicht zu reden. Der normalerweise unvorstellbare Erfolg des Gast­ge­ber­landes, der sich ei­nem general­stabs­mäßigen mit­telfri­sti­gen Masterplan ver­dankt, belegt dies bei­­­spiel­haft.

Das Mammutturnier hat im Übrigen wieder deutsche Athleten (Trainer und Funktionäre) gezeigt, die das Ausbleiben ihrer Spit­zen­lei­­stungen ohne zu zucken weggelächelt haben. Sie seien durchaus mit sich selbst zu­frie­den, war häufiger im Analysean­ge­bot. So sei das nun mal. Eine hoch gewettete bundesre­pu­bli­ka­ni­sche Schwimmerin strahl­te nach Sekundenrückstand gar: Die Schnellsten seien jetzt halt schneller als sie. Ja, wohl wahr, aber nicht adäquat. Der Wille zum Erfolg sowie das Bewusstsein der eigenen Rol­le waren bis­weilen so schwach wie das Resultat. Wichtiger als Ruhm und Ehre scheinen Prämien, Sponsoring und gut dotierte Wer­be­ver­trä­ge geworden zu sein. Statt für Deutschland selbstverständlich erst mal für mich selbst. Wenn Berufung zum Beruf wird, beginnt die Kar­­riere, den Charakter zu prägen. Zum Schluss noch ein Wort zu dem Mann, der die ewig junge Idee des IOC auf die Bretter der Welt rocken soll: Der Belgier Jacques Rogge trat weder mo­ra­li­sche Maßstäbe setzend noch mitreißend auf, sondern mu­mien­­haft wie ein Mur­mel­tier. Ein seltsam lebloser Botschafter seiner swingenden Marke. Das Highlight der 17 Tage an der Themse bestand für ihn da­rin, zwei Da­men aus Saudi-Arabien Starternummern angeheftet zu haben. So stolz darf man also heute als Ausrichter eines zum Event mutierten ehrwürdigen Ereignisses noch sein.

Dr. Reinhard Nenzel