Ausgabe 10 • 2003 | Editorial

Insolvenz als moderne Geißel des Mittelstands

Nackte Zahlen lösen bei Männern vielleicht Angst und Schrecken, aber keine Betroffenheit aus, es sei denn, es handelt sich um die Bundesligaresultate. In diesem Sinne bleiben auch die Statistiken, die Abertausende zahlungsunfähige Firmen vermelden, trotz aller Bedeutungstiefe abstrakt. Konkretere Wirkungen erzielen Wirtschaftspresse und Tageszeitungen, die Ross und Reiter nennen. Wird eine Pleite personalisiert, kann Mitgefühl greifen. Oder Zorn. Das hängt davon ab, ob man die Unternehmerperspektive wählt, wohl wissend, dass im knallharten Wettbewerb nicht nur die Schlechtesten sterben. Oder ob man den Jobverlust der Mitarbeiter bedenkt – oder zu den Gläubigern zählt, die saftige Sümmchen abschreiben dürfen. Letzteres kann je nach Vorgeschichte extremen Verdruss bereiten. Jeder letzte Gang zum Amtsgericht bedeutet einen Kollateralschaden, der viele andere redliche Marktteilnehmer in Mitleidenschaft zieht. In der Praxis stellt sich immer wieder das Problem der Prophylaxe.

Was aber soll man tun, wenn man absieht, dass klamme Kunden gar nicht mehr zahlen? Tatsächlich gibt es Indizien zuhauf, dass sich pekuniäre Unpässlichkeit zu einem schweren Kontoinfekt mit tödlichem Verlauf auszuwachsen droht. Das fängt mit dem Verzicht auf eingeräumte Skonti an, setzt sich mit der großzügigen Überschreitung gewährter Netto-Zahlungsziele fort, äußert sich darin, dass weit hinten im Mahnweg plötzlich die zugrundeliegende Rechnung angegriffen wird und kulminiert in unverhofften Schreiben, die verblümt und unverblümt um Aufschub bitten oder billige Ausflüchte suchen. Hier, spätestens, ist dann wirklich Gefahr in Verzug. Außerdem gibt es noch Branchengerüchte und eigene Beobachtungen am lebenden Objekt, etwa durch Hausbesuche mit der offensiven Themenstellung: »Na, wann können Sie denn wieder?«. Die Dialoge, die man bei diesen Begegnungen erlebt, können frustrierend sein. Da Schuldner kaum die Kraft zum Eingeständnis haben, dass ihre Stundungsuhren abgelaufen sind, klammern sie sich an jede noch so klitzekleine Hoffnung. Dazu gehört die Phantasie, sich wie einst der legendäre Harry Houdini, der König der Magier, im Handumdrehen aus ihren finanziellen Fesseln zu befreien. Dieser durch Verdrängung eingeübte Verlust des Realitätsprinzips erschwert pragmatische Lösungen.

Indessen trifft das Schicksal, an fehlender Liquidität und Substanzlosigkeit eigener Forderungen zu scheitern, auch Kandidaten, denen man ohnehin eine andere als eine kaufmännische Aufgabe hätte wünschen sollen. Letztlich mögen es zwar oft die bösen Banken sein, die irgendwann – der Zeitpunkt ist nie recht – den Hahn abdrehen; sicher auch bisweilen aus Unfähigkeit, die Bedingungen ihrer Branchenkunden wirklich zu verstehen. Doch da man als alter Kiebitz weiß, dass Kreditsachbearbeiter außer Rot und Schwarz keine Farben kennen, darf das niemanden überraschen. Wer die Schuld am Untergang bei seinen Geldgebern sucht, lenkt ab und will meist gravierende Fehler in seiner Strategie und in seinem operativen Geschäft kaschieren. Im Hinblick auf die Kapitalbeschaffung gilt dasselbe wie stets: Wer mangels Spielbegabung als Hasardeur alles auf eine Karte setzt, liefert sich dem Schicksal vorsätzlich aus. Welchen Irrglauben aber pflegen Pleitiers? Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur