Ausgabe 10 • 2005 | Editorial

Pläne, Prognosen und eine Weltmeisterschaft

Momentan sind ja viele Menschen in Politik und Wirtschaft damit befasst, nach vorne zu schauen, um sich, ihren Unternehmen und ihren Wählern Benchmarks für 2006 zu geben. Der allgemeine Tenor lautet: Es geht bergauf! Deutschland fasst wieder Tritt! Wer Wachstum unter 2 % weissagt, hat den Neujahrskaffeesatz falsch gelesen! Nur wer die Stimmung richtig miesmachen will, wagt sich mit unpopulären Bedenken vor, der Export allein könne keine langfristig seeligmachende Konjunkturstütze sein. Die Bundeskanzlerin ging unlängst in diesem Sinne mit allerbestem Beispiel voran, übertraf sämtliche Kurzstreckendenker und ließ via Tagespresse weit ausgreifend wissen, dass sie frohgemut sei, unser Land binnen zehn Jahren wieder an die europäische Spitze zu führen. Na, da kann man ja beruhigt sein! Nun wird wirklich alles gut! Nur ein kleines Jahrzehnt! Wer hätte das nicht übrig in seiner Lebensplanung? Für Angela? Für die große Koalition? Für uns alle? Für Europa? »Du bist Deutschland« hieß die peinliche PR-Kampagne, die aus sorgenfreien Mündern jedem noch so abgehängten Globalisierungsverlierer rührend naiv einen »New Deal« verhieß. Wobei doch die Erfahrung lehrt, dass Parteistrategen viel versprechend auf Zukunft einen ungedeckten Scheck nach dem anderen ziehen. Die zehn Jahre von Dr. Merkel lassen eher mit drei multipliziert an einen Generationensprung denken.

Wenn das mal reicht. Tatsache ist, dass niemand, der uns Hoffnung Heischende im Bundestag vertritt, eine brauchbare Vision hat, was überhaupt mittelfristig im Lande los sein soll, falls der Binnenmarkt weiter lahmt und vielleicht gar zurückfallen sollte, weil die Konsumenten mit ihrem letzten Baren knausern, falls die Renten- und die Krankenkassen noch lauter knarzen, weil die demographische Entwicklung schlecht Spaß versteht, falls die Infrastruktur in den Städten und Gemeinden im großen Stil weiter verfällt, weil die Kämmerer der Kommunen die letzten Segel streichen, und falls das Ende der alten Industriegesellschaft in Anbetracht der gravierenden kostenträchtigen Mängel des Bildungssystems womöglich nicht in den Beginn der neuen Wissensgesellschaft übergeht.

Dass man sich am kurzen Ende auch schön blamieren kann, stellen seit geraumer Zeit die Fussballobersachverständigen der Nation unter Beweis. Nicht, dass Ex-Torschützenkönig Jürgen Klinsmann als Teamchef dafür zu schelten wäre, im Hinblick auf das bevorstehende Weltturnier etwas Unseriöses zu formulieren. Er tut instinktiv dass, was jeder tut, der einen schwer kalkulierbaren Spitzenjob auf Zeit bekleidet. Er hält Unmögliches für möglich, was den Auguren, die über sein Amt befinden, lieblich in den Ohren klingt, dass nämlich seine Mittelmaßmannschaft urplötzlich und wider jede Wahrscheinlichkeit sogar gegen Brasilien siegt.

Die Realität sieht auch hier profaner aus. Solide geschätzt, ist es als Erfolg zu werten, schlicht die Vorrunde zu überstehen. Danach droht Schicht im Schacht, egal, gegen wen. Schließlich haben die absehbaren Gegner das, was uns fehlt: Deutlich weniger Probleme. Dies mag wohl auch im internationalen Wettbewerb gelten. Export, WM und vorgezogene Investitionen wegen der Mehrtwersteuererhöhung 2007 taugen nicht als Stimulanz. Wir sollten uns in Realismus üben.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur