Ausgabe 10 • 2006 | Editorial

Summen und Salden mit eigenem Charakter

2006 war ein gutes Jahr und 2007 soll so bleiben, zumindest sagen das die Wirtschaftsforschungsinstitute, natürlich auch Politiker, die sich ja nicht einkriegen können, wie toll sie das hinbekommen haben wollen. Wenn es denn so wäre! Zum Glück des deutschen Mittelstands hat die große Koalition der Berliner Rückwärtsreformer im Reich der Mitte nichts zu kamellen. Sonst müsste man sich um den Boom in Fernost sorgen. Sieht man vom branchenweit krachenden Auslandsgeschäft ab, sind die Dinge weniger rosig. National hat kaum jemand das beruhigende Gefühl, er werde von Profis regiert, die den Kaffeesatz der Weltgeschichte richtig läsen. Wer mit seinem Business, warum auch immer, auf das Inland angewiesen ist, wird weiterhin liebe Mühe haben, seine Renditen in den oberen einstelligen Bereich zu hieven. Am schwierigsten ist die Perspektive von all jenen einzuschätzen, die leider keine vollen Auftragsbücher haben, da sie weder in Tonnen und Tausenderstück noch in Seecontainern und LKW-Ladungen liefern, sondern Dienstleistungen erbringen, denen theoretisch die Zukunft am Standort gehört. Wer sein Geld mit »weichen« Sachen in Werbung, Marketing, Medien, Kommunikation oder auf dem weiten Feld der Beratung verdient, mag sich über seinen jüngsten Jahresabschluss freuen, wird aber im Übrigen viel mit Absichtserklärungen seiner Kunden hantieren ohne feste Zusagen einbuchen zu können, dass es sicher auf dem erreichten Niveau weitergehen wird. Hier überwiegen in vielen Unternehmen die Unwägbarkeiten. Von daher stellen sich kritische Fragen.

Wichtiger als die erreichten Erfolge sind deren Konsequenzen: Wo und bei wem hat man mit seiner Arbeit einen Grundstein für Folgemandate gelegt? Welcher Auftraggeber hat überhaupt regelmäßigen und für einen selbst auskömmlichen Bedarf? Wie kann man objektiv vorhandenen Bedarf, der nicht erkannt wird, erkennbar machen? Welche Effizienzreserven lassen sich noch aus den Prozessen kitzeln, um diesen Aufwand in Akquise und Angebote zu stecken? Differenziert das eigene Profil stark genug vom Wettbewerb und wo wäre es wie wodurch zu schärfen? In welche Ressourcen muss man in welcher Form wieviel investieren? Dann, auch schwierig: Soll man marktbezogen mehr in die Breite oder mehr in die Tiefe gehen, also mehr machen oder punktuell mehr penetrieren? Und: Hat man die richtigen Mitarbeiter in richtiger Zahl und sind sie richtig aufgestellt?

Überall dort, wo einmal gut oder gar genial Gedachtes nicht automatisch dazu führt, das ausgefuchste Präzisionsmaschinen Produkte multiplizieren, deren permanente Wertschöpfung nur Material, Mengen, Margen und Lieferfristen limitieren, ist jedes neue Jahr wirklich ein neues Jahr, zumal, je kleiner die Einheit gemessen an ihren maßgeblichen Konkurrenten ist. Insofern bleibt auch bei guten Zahlen manche Strategie Makulatur, wenn nicht garantiert ist, das Fundament des Geschäftsmodells mit eigenem Bestreben nachhaltig tragfähiger zu machen.

Was bleibt, wenn die allgemeine BWL allein nicht hilft, ist, auf sich selbst, seine Erfahrungen, seine Intuition, seine Kraft und seine Kreativität zu vertrauen. Wer Ideen und Gedanken in individuellen Konstellationen als Problemlösungen verkauft, kann Wachstum nie einfach multiplizieren. Aber er kann es auch genießen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur