Ausgabe 11/12 • 2005 | Editorial

Arbeitsplätze schaffen bei Trüffeln und Tiramisu

Neulich war ich in ganz anderen Angelegenheiten unterwegs. Es gab einen Kongress mit lauter interessanten Leuten und abends ein ordentliches Diner. Der Tisch war rund, aber wie so oft zu groß, um kreuz und quer miteinander zu reden. Meine beiden Nachbarn zur Rechten und zur Linken ließen sich ganz reizend auf einen anregenden Gedankenaustausch ein, auch die jeweils übernächsten. Die weiteren Herrschaften blieben jedoch für einen »Small talk« bis auf sporadische Höflichkeiten unerreichbar fern. Dennoch ergab es sich in einem ruhigen Moment, dass der junge Mann von schräg gegenüber seine Schneise fand und mich in ein kurzweiliges Geplänkel verwickelte. Wir kannten uns flüchtig und hatten so zumindest gewisse Koordinaten voneinander. Nach dem üblichen »wie es denn gehe und was man gerade so tue?«, fanden wir uns plötzlich bei einem kleinen intellektuellen Ausritt wieder, der sich mit Fragen des Direktmarketings befasste. Auf diesem Feld stellt man sehr schnell fest, ob man Auffassungen über Kosten und Nutzen sowie über Sinn und Zweck teilt, auch generell. Mir imponierte, wie fest und klar die Dinge bei meinem Dialogpartner rhetorisch geordnet waren. Er sagte lauter Sachen, die erfahrungsgemäß nur begabte »Selbstdenker« zur Verfügung haben, die mit den Tools der BWL zu ganz eigenen Anwendungen kommen.

Daraufhin meldete sich bei mir der unternehmerische »Haben wollen«-Reflex und ich hatte die Idee, jemanden mit so feinen geistigen Gaben in unsere Organisation zu holen, um ihn mit der Leitung der aktiven Marktbearbeitung zu betrauen. Um diesbezüglich auf den Busch zu klopfen, fragte ich also zum Schein ins Blaue hinein, welche Präferenzen im Hinblick auf die Karriereplanung bestünden. Als unsere Branche und die von mir anvisierte Führungsposition nicht unter den Zielen war, legte ich beutehungrig nach und ließ beiläufig das Codewort »Verlagswesen« fallen, das jedoch keinen wahrnehmbaren Widerhall fand.

Vierzehn Tage später ergab es sich, dass wir uns trotz des ausgebliebenen positiven Signals zu einem diskreten »Business lunch« sahen. Ich hatte inzwischen antechambriert, allerdings offen gelassen, was mein Interesse bestimmte. Unverfängliche Gründe gab es genug, etwa die Doktorarbeit des Kandidaten oder seine aktuelle Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung. Noch bevor ich richtig saß, um Hallo zu sagen, wurde ich erneut überrascht, da unser zweites Treffen mit der ausstehenden Antwort begann: Selbstverständlich habe er erkannt, was ich ihm weiland auf der Höhe des Hauptgerichts angedeutet hätte, allerdings sei es nicht opportun gewesen, frank und frei zu replizieren. Heute könne er offener sein. Auf Sicht wolle er sich selbst noch mehrere anspruchsvolle Ausbildungsjahre in seiner gegenwärtigen und in anderer Funktion verordnen, um seine Talente zur Reife zu bringen. Danach sei unbefangen über dann Aktuelles zu entscheiden. Ich war damit vor der Suppe traurig, beim Dessert aber wieder froh.

Zu lernen aus dieser nun leider nicht geglückten Rekrutierung ist, dass exzellente Leute feines Gespür für alles Mögliche besitzen, sich anders als die vielen selbsternannten Alleskönner selber kennen und Respekt vor dem Handwerkszeug haben. Von daher ein Kompliment für meinen Korb! Wir werden gerne warten.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur