Ausgabe 11/12 • 2006 | Editorial

Wer Pferde nicht kennt, soll die Rennbahn meiden

Was Medien sind, weiß jeder. Nichts leichter als das. Lokal- und Regionalzeitungen werden im Abo nachts nach Hause zugestellt. Bundesweite Tageszeitungen hängen zusammen mit vielen bunten Blättern am Kiosk aus. Fachzeitschriften gibt es per Post, wie auch manche Nachrichten-, Männer-, Frauen- und Wirtschaftsmagazine. Der Hörfunk kommt aus dem Radio. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen lebt immer noch anstaltsfidel von Gebühren und hütet dafür den Staat. Außerdem hat es uns Rudi Carrell, das Wort zum Sonntag, den Frühschoppen, die Mainzelmännchen und Sabine Christiansen geschenkt. Die Privatsender haben die Werbeunterbrechung, die Filmwiederholung am selben Tag und die Quoten erfunden, sie werfen mit Geld für Sportrechte nur so um sich und sind im Übrigen Ikonen der Marktwirtschaft. Online-Dienste im Internet sind so schnell, dass die Ereignisse, die Sie vermelden, gar nicht nachkommen, rechtzeitig stattzufinden. Damit ist der Grenzwert für »News« gesetzt. Aber Neuigkeiten sind nicht alles, obwohl der Boulevard und andere Seelenerreger im Print wie in der digitalen Welt im »Koof-mich«- und »Bleiben-Sie-dran«-Wettbewerb auf diese korrupte Währung setzt. Wer nicht mit verderblicher Ware handelt, ist gehalten, die Oberfläche zu durchdringen, um mit Reportage, Analyse, Hintergrundbericht und Kommentar in die Tiefen der Fiktion von Wahrheit vorzustoßen, die uns täglich in die Hirne knallt.

Oder man macht eine Zeitschrift wie wir, die ihren braven Beitrag zur Meinungsbildung selbständiger Unternehmer mit lauter Namensartikeln leistet, indem sie führende Fachleute über volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Fragen referieren lässt, ergänzt um Spezialthemen und zuverlässige Informationen aus erster Hand, wie man gewisse Sachen erfolgreich angeht und wie besser nicht. Hier wirft sich nicht die Redaktion als Ratgeber auf, Problemchen der Leser zu lösen, sondern es sind die Leser selbst, die ihr Know-how zur Anregung anderer Leser publizieren. Wikipedia sei Dank ein Konzept, das so sensationsungetrieben sonst nur in wissenschaftlichen Periodika und in Branchenorganen heimisch ist.

Gleichwohl werden wir manchmal angerufen oder angemailt und das Missverständnis nimmt seinen Lauf. »Ich bin der-und-der von der Firma XY und ich hab’ hier was, das ist bestimmt spannend für Sie.« Woher will der gute Mensch das wissen? Sitzt er bei unseren kleinen Konferenzen mit am Tisch, wenn wir Ausgaben planen? Hat er überhaupt jemals ein Heft in der Hand gehabt und sich in Muße auch nur einen Gedanken über die Autorenwahl, die Zusammenstellung der Aspekte und die Aufbereitung gemacht? Hält er gar nicht für möglich, dass nur ein Bruchteil dessen, was wir drucken könnten, in die engere Auswahl kommt?

Die Redaktion filtert aus, was einen Textanbieter mehr als Alleinentscheider interessiert. Insofern ist auch Aktualität ein Muss ohne Maßstab zu sein. Zur Befassung geeignete Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen sollten Gewicht und Tragweite haben, also nicht nur unter Umständen an einem Ort unter der Sonne bedingt Bedeutung entfalten. Die Nachrichtenquelle darf keinerlei Zweifel begründen und mag sich gerne allgemeiner Reputation erfreuen. Sind diese und andere unspektakuläre Kriterien erfüllt, laden wir von selbst zur Mitwirkung ein.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur