Ausgabe 1/2 · 2016 | Editorial

Von der Erschwernis, sich selbst zu verorten

Wir sind alle überfordert. Wer das nicht zugibt, spielt nicht richtig mit. Tausend Sachen werden im Stehen zwischen Tür und Angel entschieden, für die es eigentlich ein paar Minuten Muße auf dem Hosenboden im Denksessel braucht. Die Themen und die permanenten Möglichkeiten nehmen überhand. Eine Konsequnz ist, dass vieles, was sich früher noch als Bedeutung oder gar als Sinn auf Zeit greifen ließ, diffus ist und diffus bleibt. Klarheit wird zur Mangelware. Das hat auch damit zu tun, dass jeder, den man spricht, etwas anderes gehört, gesehen oder gelesen hat als der davor und der danach. Jeder lebt seinen unikaten Meinungskosmos, ohne Positionen zu begründen, die man morgen noch zitieren kann. Die alte Dialektik des Denkens, die scharfes Pro und Contra austarierte und die Wahrheiten suchte, hat sich in Mutmaßungen aufgelöst. Wo es aber kein gemeinsames Analysieren und Verstehen mehr gibt, fehlt es auch an Verständigung über Relevantes. Planungen versagen. Das Tagesgeschäft läuft ins Leere. Strategien werden obsolet.

Nun sind Unternehmer ja dafür bekannt, dass sie genetisch gern Entscheidungen treffen, die ihnen allzu oft aus ihren Organisationen angetragen werden. Das können sie wirklich gut und das geht in den meisten Fällen auch. Diese Probleme sind zu 90 % übersichtlich und auf Punkte fokussiert, die mit einem Ja oder einem Nein befriedet werden können. Schwieriger zu befinden sind die Dinge geworden, die eine qualifizierte Erörterung brauchen, bei denen aus der Wolke einer Ahnung, einer Vermutung oder einer Idee so lange Wasser abgelassen wird, bis man den Extrakttropfen hat. Mit wem soll man das in unserer scheinbar so disparaten Welt versuchen? Das geht nur mit erfahrenen Leuten, die in Theorie und Praxis dieselben Koordinaten teilen, die Wissen von Vermeintlichem unterscheiden, die das selbe Ziel vor Augen haben und die das Gelände bis dahin argumentativ und im geologischen Profil wie Scouts und Spurenleser aus dem Effeff beherrschen. Wenn solche Gespräche missraten, und sie gehen oft schlecht aus, enden sie kräftezehrend im mehrfach Spekulativen, statt dass sie im Kopf die Platten legen, die man für den Weg braucht. Wenn diese Übung jedoch gelingt, wenn alle Mitredner mutig und kurz ihre Beiträge zum Hauptstrang des geistigen Gestocher leisten, hat man sich oft einen Wettbewerbsvorteil geschenkt.

Zu diesem Zweck wäre mir nahezu jedes intellektuelle und verbale Mittel recht. In diesem Zusammenhang ist von politischer Korrektheit, der Zierde allen Zauderns, zu sprechen. Sie besteht darin, dass drastische Formulierungen und Wendungen nicht mehr zugelassen sind. Der genehmigte Wortschatz hat seine krasse Abteilung verloren. Die milderen Bezeichnungen und Beschreibungen runden die Konturen der Welt ins Gleiche, während das, was ihre Ecken und Kanten betrifft, ungesagt bleibt. Das vegane Vokabular mag zarten Gemütern gefallen und konsensfähig sein, doch dem Bösen und Monströsen, dem Bräsigen und dem Klobigen, dem Obstinaten, dem Vorsätzlichen und dem Renitenten kommt es nicht bei. Es ist nur bedingt erkenntnisreich. Wenn also die Koordinaten der Zukunft der eigenen Firma aus störrischem Dunst gewonnen werden wollen, sollte man nicht zu höflich zu sich sein. Alles gehört auf den Tisch. Deutliche Worte an die eigene Adresse und von Weggefährten tun vielleicht weh, fördern aber die beste Lösung.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur