Ausgabe 1/2 • 2017 | Editorial

Frau Merkel regiert in einer eigenen Liga

Altbundespräsident Roman Herzog hat nicht vergeblich aufgerüttelt. Es geht ein Ruck durch unser Land. Nur, dass das noch nicht offenkundig ist. Alles, was man hören kann, verharrt einstweilen im bekannten Spiel. Die falsche Sprache, in der sich die Leitfiguren und die Verkünder üben, folgt unverdrossen falschen Wahrnehmungsmustern, so dass sie die Erkenntnis verhindert. Die große Politik, die den interessanten Schauplatz liefert, und die Medien, die dessen Verlautbarungen scheinkritisch multiplizieren, verstehen Volkes Zustand nicht. Das ist an sich nicht neu, weil beide Sphären, die der Parteien und die der TV-Programme, der Printprodukte und der Internetkanäle geschlossene Zirkel sind, die erstaunlich lebensunklugen Logiken folgen, stets auf der Suche und im Besitz der alles erklärenden Kausalität. Es scheint so zu sein, dass viele nur deuten können, was sie gelernt haben zu deuten. Genauso grandios und banal, wie das Reale ist, ist aber auch staatliches Handeln. Insofern zählen die Einschätzung und das Gespür, was einer oder einem zuzutrauen ist, mehr für den Zuspruch zu Personen als das Image, das sie oder er gern hätte. Gezahlt wird in Glaubwürdigkeit, die auf Authentizität und Kompetenz beruht. Das hat die alte SPD nicht erkannt, die Grünen nicht und nicht die Linke. Die AfD selbstredend nicht, siewird den Abstieg der Piraten teilen, und leider nicht die FDP.

Kaum ein Bürger, der zu Wahlen geht, tut dies monothematisch motiviert. Menschen sind ganzheitliche Wesen, die sich aufgehoben fühlen und wissen wollen. Das heißt, dass es darum geht, wie Amtsinhaber kollektive Grundbedürfnisse erfüllen, gewürzt mit ein paar ideologischen und pekuniären Leckerli für die eigene Klientel und kleinen sozialen Spezialitäten im Zeichen differenzierter Zielgruppenbedienung, etwa glutenfreiem Brei für Sensibelchen in ernährungsbewegten Kitas.

Die neue Zeitgeistattitüde besteht darin, dass es wieder um wichtige Dinge geht, also um Fundamentales. Die Rahmenbedingungen sollen gefestigt werden in einer Welt, die explosiv aus den Fugen ist. Das, was Unternehmen ökonomisch täglich zu beherrschen haben an Widrigkeiten jedweder Art, stellt sich für das Kabinett, den Garantiegeber des Gemeinwohls, als international getriebene Gemengelage aus Staatsverschuldung, demographischem Wandel, Flüchtlingskrise, Rententhemen,Bildungsfragen, Gesundheitskosten, Trump in Amerika, Krieg und Frieden dar. In diesem dynamischen Szenario, dass tausend Unsicherheiten prägen, ist wie vor den Klippen von Korfu bei Nacht souveräne, intuitive Ruderbeherrschung gefragt. Eben dies verspricht und beherrscht die Kanzlerin, ohne dasswir es nachvollziehen.

Demgegenüber ist Martin Schulz ein Missverständnis, jemand, der seine Berufung als Kandidat seinem Kontrastprofil zum spröden Vorgänger Gabriel verdankt, der nun in der Steinmeier-Nachfolge als Außenminister wie befreit positiv überrascht. Die einzige dokumentierte Leistung des Wunders aus Würselen besteht darin, im Brüsseler Apparat karrierefähig gewesen zu sein, was nach den dortigen Kriterien bedeutet, als Kontaktmaschine und Beziehungsgenie auf Bühnen und in Kulissen kleinste gemeinsame Nenner zum Erhalt von Macht und Einfluss zu finden. Er ist halt sehr nett und nahbar. Doch es reicht nicht, postmoderne Reden zu halten, die den verlorenenMarkenkern der SPD, ihre Patenrolle für den kleinen Mann, zitieren.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur