Ausgabe 1/2 • 2012 | Editorial

Zwei Landtagswahlen, die Piraten und die FDP

Die Parteienlandschaft in Deutschland ist laut Demoskopie in Bewegung. Dabei stimmt das nicht wirklich, sondern es sieht wahrscheinlich nur so aus. Genauso wenig, wie man dauernd seine Überzeugungen ändert, was richtig ist und was falsch, genauso wenig schwenkt man in seinen politischen Präferenzen ohne Not um. Zutreffender ist wohl, dass gesellschaftliche Gruppen, die zeitgeistaffin mental agil links von der Mitte zu verorten sind, ein neues Angebot finden, das vernachlässigte Nichtwählernischen mit viel Zielgruppenappeal erschließt. Es ist das Reservoir der großen alten SPD, das nach der Geburt der »Grünen« seine zweite Abkunft in Gestalt von Lafontaines »Linken« erfuhr. Nun also der dritte Spross. Wobei man sich ja schon über die Wortmarke der radikalliberalen Internetfreunde wundern darf. Piraten waren nach den legendären Freibeutern früherer Zeit mangels Bedarf an Gesetzlosigkeit aus dem Sprachschatz verschwunden. Wüsste man nicht von den Gefahren für die Handelsschifffahrt in der Chinesischen See und vor dem Horn von Afrika, bestünde keine Veranlassung, über Augenklappen, Totenkopffahnen und das Kapergeschäft zu sinnieren, gäbe es da nicht noch die arme FDP, deren Einfaltboot jedoch gar kein Enterziel ist, weil Kapitän Rösler es selbst versenkt. Das ist übrigens eine Ironie in dieser Geschichte, dass nämlich Fürsprecher der Freiheit Fürsprecher der Freiheit ablösen, ohne dass dies Bezug aufeinander hat. Die einen treten auf der einen Seite des Spektrums auf und die anderen treten auf der anderen Seite ab, wobei die Newcomer auch wieder gehen werden, weil sie wie die Gelbblauen nur monothematisch sind.

Freiheit ist aber kein Begriff, der sich bloß an ein Sujet heftet. Er ist fundamental und in allen Lebensäußerungen verankert. Freiheit braucht Courage und ist Verpflichtung auf Verantwortung, so jedenfalls wäre hier unser neuer Charakterpräsident Joachim Gauck zu zitieren. Wer sie in Beschlag nimmt, muss offen und engagiert sein für alles, weil allein die Haltung zu Ideen und Ereignissen zählt. Deshalb ist es fast egal, ob das hohe allgemeine Ziel in unzulässiger Reduktion auf Steuersachen oder auf digitale Downloads heruntergebrochen wird. Insofern sollte man auch keiner Lichtgestalt vertrauen, wie sie in der Person des sicher talentierten jungen Herrn Lindner in NRW aus der taktischen Versenkung hervorgezaubert wird. So beeindruckend die Begabung gewiss ist, zustimmungsfähige Eindrücke zu erwecken, so wenig besteht der Verdacht, der Sprecher solcher intuitiv geäußerten Zuhörerverführungssätze verfügte über ein prinzipiengestütztes Koordinatensystem. Dies freilich wäre schon schön. Demgegenüber hat Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein nicht dasselbe Manko. Er ist mit handfester Biographie glaubhaft im Ton. Dafür steht der Typus für zart Besaitete im Zweifel.

Vielleicht ist das ja überhaupt die Crux vieler Volksvertreter in Berlin und in den Regionen, dass das Reden über die Dinge die wahrnehmbare Kompetenz ersetzt, den Dingen, über die zu reden wäre, gewachsen zu sein. Das ist trotz aller Datenflut keine Überforderung. Jeder Unternehmer weiß, dass es nur die Qualität seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den ständigen strategischen und operativen Herausforderungen ist, die über Wohl und Wehe des jeweiligen Ausgangs entscheidet. Dass er Klugheit, Sorgfalt und Fleiß aufwenden muss, um vorn zu sein und vorn zu bleiben. Dass es die Demut braucht, immer wieder fragen und lernen zu müssen. Dass es durchaus anstrengend ist, die Details zu erkunden, und dass es große Energie verzehrt, seine Mitstreiter zu motivieren, sich in derselben Art und Weise einzusetzen.

Diese Redlichkeit und diese Mühsal sind aber auch Freude und Lust, am Ende des Tages etwas zu haben, was ein Besseres als das Gewesene ist. Insofern ist Freiheit ohne Können kein Wert.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur