Ausgabe 1/2 • 2014 | Editorial

Die Zukunft wird anders als das Vergangene sein

Was soll man sagen? Deutschland geht es gut. Wir haben keine Krim annektiert und waren auch sonst ziemlich nett zu den Nachbarn. Wir haben Ordnung im eigenen Haus und gelten als Muster an Solidität und Solidarität in Europa. Wir haben eine prosperierende Wirtschaft und wir sind auf der ganzen Welt im Geschäft. Wir haben die Zeichen der Zeit halt verstanden und sind auch wieder wer. Man hört auf uns und manche nennen unser Land schon wieder eine Füh­rungs­macht. Wer seine Sachen so in Ordnung hat, kann in Gefahr kommen, dass ihm sinnvolle Aufgaben fehlen. Was soll denn noch nachhaltig reformiert werden? Wie sehen die gesamtgesellschaftlichen Ziele aus? Wo will unser Land in zwanzig oder dreißig Jahren stehen, national und international, in seiner inneren Verfassung und von außen beguckt? Welche Ansprüche wollen wir an uns und andere vertreten? Welche Ideale und welche Werte sollen für unsere Zu­kunft gelten und welche politischen Lösungen bieten wir bedürftigen Nationen zum Export? Wie nehmen wir die Verantwortung wahr, die uns unser großer Wohlstand auferlegt?

Der kritische Blick der Autoren dieser Ausgabe auf die Entwicklung der BRIC-Staaten, insbesondere auf China, aber auch auf andere Regionen in Asien, auf Afrika und auf Lateinamerika, zeigt, dass es ökonomisch zwei Leitthemen auf dem Planeten gibt. Alle »Emerging Markets« kommen nicht nach, die Mehrzahl ihrer Menschen mitzunehmen in die neue Epoche, in der fast alle Handys haben, aber sehr viele immer noch kein vernünftiges Dach über dem Kopf. Zugleich erlebt der Kapitalismus alter Prägung eine Dauerkrise, die eigentlich nicht ver­wunderlich ist. Die beste Wirtschaftstheorie, die wir kennen, kennt den Zustand gesättigter Märkte nicht. Sie muss stetiges Wachstum als Parameter zur Verfügung haben, sonst kol­la­biert das System. Treiber dieser ständigen Aufwärtsbewegung, die sich quantitativ der stän­digen Vermehrung von Volumina verdankt, also größeren Mengen, sind die Nachfrage allgemein sowie Innovationen. Das Geld der Verbraucher muss in Bewegung bleiben. Sie müssen Freude haben am Konsum. Das gilt für sämtliche Marktakteure, auch für den Staat, der mit seinen Infrastrukturprojekten und seinen hohen Ausgaben für die Daseinsvorsorge regelmä­ßi­ge Kon­junkturprogramme fährt. Wer jedoch zuviel ausgibt, um das erforderliche Wachstum zu simulieren, macht erst lange Schulden und begibt sich dann irgendwann in den Bankrott.

Diese faktische Zahlungsunfähigkeit haben einige europäische Länder bereits erlebt. Dass sie mit kunstvollen monetären Operationen einstweilen am Leben erhalten wurden, ist kei­ne Entwarnung. Die strukturellen Ursachen wirken trotz der Interventionen der Notenbanken und bei­spielloser Sparbemühungen fort, die gleichwohl nie ausreichend sind. Die Krux ist ja gerade die, dass die notwendige Senkung der Ausgaben notwendigerweise zu sinkenden Wachstumsraten führt, was sofort an anderer Stelle, etwa als Arbeitslosigkeit, im Bildungssektor und als sinkende Sozialstandards für Kalamitäten sorgt. Aus diesem Teufelskreis kommt man nach bisheriger Logik nicht raus. Man kann ihn nur mit makroökonomischen Zahlenmodellen fiktiv beherrschen, indem man das Grundproblem im Einverständnis der Währungswächter auf immer höhere Ebenen hebt bzw. in immer größere Dimensionen bläht, oder anders gesagt: Indem man statt der realen Vermehrung von Produkten und Dienstleistungen den Output der Noten­pressen steigert, um mit Billionen bedruckter Luft bloß scheinbares Wachstum zu generieren.

Im Zeichen dieser unnatürlichen Spielverlängerung ist ein Paradigmenwechsel geboten. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Klimaschutz und Umweltschutz weisen die Richtung. Unternehmer sind aufgerufen, die Politik zu inspirieren. Rufen Sie doch die Kanzlerin an.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur