Ausgabe 1/2 • 2019 | Editorial

Fröhliche Aussagen über Qualität im Mediengeschäft

Wenn ehrbaren Kaufleuten etwas heilig ist, dann ist es die Qualität ihrer Ware. Bei allem, was sich begutachten und an­fassen lässt, wird das Material verprobt und die Ausführung streng beurteilt. Das, was die Dinge besser als andere macht, springt dabei ins Auge. Die überlegene Leistung der Entwickler und Konstrukteure begegnet auch in der Verarbeitung und im Design. Qualität ist also ein umfassender Begriff, der viel auf einmal meint, und seine Berechtigung lässt sich objektiv ermitteln. Dasselbe gilt für die Prozesse in der Entstehung, für die Feh­lerfreiheit der Teile und ihres Zusammenspiels, al­so im Hinblick auf die branchenüblichen Kompetenzen, die garantierte Sorgfalt der menschlichen Arbeit und den Vorsatz, Spitzenleistungen zu erbringen. Nur, weil das so ist, dürfen Unternehmer stolz auf ihre Produkte sein.

Dieses Ethos ist im Mediengeschäft, Abteilung Print, leider nicht so zuhause, was für die Kunden im Lesermarkt und im Anzeigenmarkt bedauerlich ist. Die Zeiten, in denen Verlage sich ihrer Zielgruppen noch bewusst waren, sind jedenfalls in der Wirtschaftspresse lange vorbei. Das gilt für Zeitungen, das ist die newsgetrie­bene Abteilung, mehr aber noch für manche Zeitschriften, die am Kiosk zappeln. Als es noch Usus war, dass die Bezieher Abos hatten, die sie bereitwillig zahlten, war klar, dass die Inhalte, das Meinungsbild und die Aufmachung Relevanz für eben jene ernährende Community zu haben hatten. Wer als Verlag oder als Redaktion nur irgendwas in Verkehr gebracht hätte, hätte seine Existenz gefährdet. Heute aber, am Tropf außerdem versiegender Anzeigenerlöse, sind auch erfinderische Mittel recht, um Zuständigkeiten für Themen und Bedeutungen, Bedeutsamkeiten und Bindungen vorzuspiegeln. Die Einblicke in die mühsam drapierten Kulissen sind ernüchternd. Dies gilt insbesondere für die »Todeszone Mittelmaß« wie unser Autor Dr. Christoph Weiß in seinen beiden Bestsellern schreibt. Gemeint sind Titel, die schon lange unter falscher Flagge segeln, zum Entern aber keine lohnende Ladung mehr versprechen. Ihre Stauräume sind heute leer, so dass die Schiffchen hoch aufschwimmen, statt marktsatt tief zu liegen. Das kann man an jeder Ausgabe sehen und das kann man verifizieren, wenn man zwei, drei untrügliche Kri­te­rien kennt. Kurz, wir haben mit toten Erzeugnissen zu tun, die lediglich aus Gründen der Eitelkeit ihrer Erzeuger immer noch mit faden Reizen kokettieren. In jeder anderen Sparte der Industrie lägen die Deckel zum Draufmachen längst parat.

Fangen wir einfach an: Die Druckauflage steht für eine Ambition, nicht für einen realen Bedarf. Die »Tatsächlich verbreitete Auflage« (TvA) ist die etwas härtere Zahl. Ist sie fast genauso hoch, fragt sich wie (teuer) distribuiert wird und, vor allem, an wen? Bedient das Medium echtes Interesse oder täuscht es dieses nur vor, indem Tonnen bunten Papiers durch dubiose Ko­operationen mit Verbänden, Freiexemplare und Bordexemplare erklärt wer­den m­ü­s­sen. Die ehrlichste Kennziffer sind die Einzelverkäufe am PoS im öffentlichen Raum. Hier gibt es krasse Missverhältnisse zu den hergestellten Mengen, soll heißen, dass aus eigenem Antrieb kaum jemand kauft. Noch abenteuerlicher wird es, wenn Magazine wahrheitswidrig behaupten, sie seien als Lieblingslektüre für Unternehmer ge­dacht und die frivole Aussage mit Testaten angeblich marktforschender Dritter untermauern. Wir dürfen diesbezüglich sagen: Bei uns gilt »What you see, ist what you get.« Seien Sie mir beschützt.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur