Ausgabe 12 • 2002 | Editorial

Zwiegespräch mit dem Zukunftsforscher

Dieser Tage rief mich ein Autor unserer Zeitschrift an, Zukunftsforscher von Beruf, und lud mich ein zu einer »Mauerschau« wie im antiken Drama, wenn Schauspieler auf der Bühne so tun, als ob sie in imaginierter Ferne etwas Bedeutsames heraufziehen sehen. Nachdem wir die drei gegenwärtigen Schlagworte Stagnation, Reformstau und Rezession hinter uns hatten, griffen wir auf der Zeitachse weiter aus und kamen damit auf Prinzipielles zu sprechen: Welche Strömungen das Land momentan bewegen und was sich daraus ableiten lässt. Warum es so ist, wie es scheint, und welche Hebel sich bieten, Einfluss zum Besseren zu nehmen. Da fallen jedem Stammtisch wohl feuchtfröhlich viele Dinge ein, mit dem ernüchternden Problem, dass niemand allein für alles verantwortlich ist. Schwierig für die Beurteilung sind die Beziehungen der Gründe untereinander sowie die Art und Weise, in der ein Übel auf andere Ursachen wirkt.

Tatsächlich ist ja nicht Gerhard Schröder Schuld am allgemeinen Niedergang der Republik – was glauben wir denn, welche Macht und Richtlinienkompetenz ein Kanzler in einem vielfach bündnistreuen, überreifen Parlamentarismus hat? – dito nicht der späte Helmut Kohl, wenngleich der eine mehr als Vermarkter und der andere mehr als Verweser statt als Inhaber des Amtes begegnen. Keine billigen Zielscheiben auch die Minister Werner Müller, Walter Riester oder (ewig einzig) Norbert Blüm (»Die Rente ist sicher!«). Nicht einmal gestrige Gewerkschafter, Altlinke oder verquaste Neo-Neo-Liberale, geschweige denn die grünen Beelzebuben, die einst (fast vergessen) Fundis hießen, taugen in der Not als Watschenmann. Suche nach Sündenböcken hat keinen Sinn, so leicht ist es nicht. Protagonisten des politischen Systems verkörpern nur gemeinsam den Geist ihrer Zeit.

Dieser Zeitgeist aber hat selbst seine Geschichte, die nichts anderes ist als das, was wir als Gesellschaft für richtig halten oder für falsch. Schuld, wenn es denn darum geht, sind wir daher alle, jeder für sich, die wir glauben, unsere seit dem Wirtschaftswunder blühenden Wohlstandsinteressen, die wir gedeckt von dauernder Wachstumsverheißung als persönliche Vorteile maximieren, im malträtierten Namen des Gemeinwohls weiterhin durchsetzen zu sollen. Das ellenbogige Geschick, Eigennutz als Gruppennutz und Gruppennutz als Gesamtnutz zu betreiben, ist unter dem Umstand hässlicher Rahmenbedingungen kontraproduktiv. Im Hauen und Stechen um schrumpfende Batzen wird Zukunftsfähigkeit viel früher verloren als man an Politik denken muss: Das Land hat ein Mentalitätsproblem.

Heute kollidiert ein hoher politischer Wert, die demokratische Vielfalt an Idee und Meinung, mit dem volkswirtschaftlichen Zwang, die vier hohen Staatsziele Wohlstand, Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit durch stetiges Wachstum des Bruttosozialprodukts zu erreichen. Anders gesagt: Alle reden legitimerweise bei jeder kleinen Kursfrage in den Medien und im wirklichen Leben mit, selbst oder dank Lobbyisten, vernichten jedoch in diesem Überschwall die Konzentration auf das Wesentliche und die Kraft, Nachteile zu verteilen, die man zu jedem Fortschritt braucht. Je mehr Leute aber lärmen, desto ärmer das Resultat. Merksatz: Wer zuerst den Gürtel enger schnallt, wird ihn auch als erster wieder weiten.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur