Ausgabe 1/2 • 2006 | Editorial

Ein Deutschland der zwei Geschwindigkeiten

Kürzlich war es wieder einmal so weit. Es klingelte unverhofft und draußen stand eine schmächtige Erscheinung, die sich in einem halblauten Dialog mit unserer Volontärin Zutritt verschaffen wollte. Das Klemmbrett im Arm verriet die amtliche Mission. Da Stromableser, Gasableser, Müllabfuhr, Schornsteinfeger und andere Vertreter wiederkehrender Kosten bereits abgehakt waren, blieb nicht mehr viel. Ein Blick auf das verbale Gerangel an der Tür sagte mir instinktiv: Der Gerichtsvollzieher! Und so war es dann auch. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf, rief laut »Gott zum Gruß!« und bat den leicht verunsicherten Kantonisten auf das Herzlichste herein. Meine erste Erkundigung lautete: »Welcher Wahnsinn blüht denn heute?« Kann es sein, dass die Stadt Sie schickt? Damit war das Eis gebrochen. Der im Allgemeinen ungelittene Eintreiber säumiger Summen entspannte sich spürbar vor meinen Augen, blieb allerdings ob dem zwiespältigen Willkommen noch in Reserve. »Ein Käffchen vielleicht, ein Stück Kuchen und dann das Geld?« Ich wollte weiter deeskalieren. Da mir dämmerte, um was es ging, fragte ich rasch noch die Hausnummer ab: »So um die 120 Euro?« Ja, da müsse er mal sehen: Raschel, Raschel, mehrere Blatt Papier: »121,50«. Gut!

Der Hintergrund könnte absurder nicht sein, ist aber typisch für die Koexistenz mehrerer mentaler Systeme in unserer Republik. Auf der einen Seite die Unternehmer, die ihre Betriebe Tag für Tag marktbezogen optimieren und dabei alles über Bord werfen, was den schnellen Vortrieb bremst. Auf der anderen Seite ein aufgeblasener Verwaltungsapparat von Bund, Ländern und Kommunen, der sich in der Exekutierung sinnfreier Pflichten auf dem Obrigkeitsstand früherer Jahrhunderte hält. Konkret war uns vor Monaten eine sachlich unberechtigte Forderung über mehrere tausend Euro zugegangen, die immerhin nicht prompt abgebucht worden war. Man wird ja bescheiden in seinem Dank! Nach mehreren Telefonaten, Einbindung des Steuerberaters, Schriftverkehr und Einreichung entlastender Dokumente wurde einvernehmlich Einsicht erzielt: Kein Zahlungsgrund!

Schließlich kam sogar ein neuer Bescheid, der den frivolen Betrag auf Null reduzierte. Dann kam noch einmal Post mit der frohen Kunde, dass künftige Vorauszahlungen ebenfalls entfielen. Dummerweise aber hatte die Behördenmaschinerie im Zuge des Hickhacks auf Mahngebühren erkannt und damit Nebenforderungen begründet, die fortan ein Eigenleben führten. Um sie aus der Welt zu kriegen, wäre nötig gewesen, mit einem Extraantrag auf »Erlass« noch einen Verwaltungsakt zu schaffen. Darum ging es also! So etwas gibt es nur bei uns!

Ich zückte also mein privates Portemonnaie, latzte das Gagageld, stimmte kurz trotzig den rheinischen Karnevalsklassiker »Dreimal Null ist Null ist Null« an, der soeben widerlegt worden war, und las dem Schergen die Leviten. Es habe keinen Sinn, seinem Auftraggeber zu schreiben, er allein sei meine Hoffnung auf Revolution in der Administration. »Du bist Deutschland!«, schmetterte ich: Als Vollstrecker müsse er der Tumbheit solcher Eintreibereien widerstehen und sich verweigern. Vor ein paar Tagen sah ich ihn um die Ecke. Die Sonne lachte und mein neuer Freund strahlte auch. Womöglich auf dem Weg zur Erkenntnis.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur