Ausgabe 1/2 • 2007 | Editorial

Ein interessanter Fall von Rot-Grün-Blindheit

Es stand in unserer Tageszeitung. Der Bonner General-Anzeiger, ein immer noch gut informiertes Blatt, brachte unlängst auf Seite sechs, dort, wo das regionale Geschehen ins lokale übergeht, einen groß aufgemachten Bericht über merkwürdige Machenschaften einiger Städte in NRW. Wie so oft ging es ums fehlende Geld sowie um frivole Kreativität, die klammen Kassen zum Klingeln zu bringen. Melkkühe sollten die eigenen Bürger sein. Bis dahin genial. Als Zasterbeschaffer war die Polizei vorgesehen, die von höherer Stelle animiert worden sein soll, ihre Verwarneinnahmen, Delikt egal, drastisch zu erhöhen. In der Wirtschaft heißt das aggressives Wachstum am Markt. Schönheitsfehler nur, dass hier ein Kommunalkartell mit Knöllchen-Monopol antritt, die Säckel zu füllen. Die ehemalige Bundeshauptstadt, nun Bundesstadt, schnitt jedenfalls laut inoffiziell geführter Konkurrenzstatistik eher bescheiden ab und lag landesweit abgeschlagen auf einem der letzten Profitplätze. Ich köpfte beim Lesen frohgemut mein Frühstücksei und dachte mir noch: Sieh Dich vor, auch Du könntest Freiwild sein! Ein paar Minuten später sah ich schon die Kelle und wurde citywärts rausgewinkt. So zügig kann es gehen, wenn Dilettanten ökonomische Mechanismen missverstehen.

Wäre ich nicht in meinem Beritt unterwegs gewesen, hätte ich gemeint, einer neapolitanischen Privatarmee zu begegnen. Mehrere Männer in Motorradmontur, reichlich bewaffnet, befassten sich grimmig damit, Wagenlenker am Fließband zu erleichtern. Der über Funk von einem Vorspäher zugetragene Kapitalvorwurf lautete auf »Falschabbiegen bei Grünpfeil an roter Ampel«. Das perlt zwar süß wie »Dialog von Wachtelküken und Feigenkeim an Trüffeltraum«, stößt jedoch sauer auf, sobald sich die Sache nach der üblichen Klamotte (Allgemeine Verkehrskontrolle, Führerschein, Fahrzeugschein) klärt. Die tagtäglich zigtausendfach belanglose Bagatelle, dass die Räder des Autos womöglich nicht für eine Nanosekunde ruhen, bevor sie die Haltelinie überrollen, wurde mit der Strafidee eines Bußgelds von 50 Euro (zzgl. 20 Euro Verfahrenskosten, zzgl. 3,45 Euro Auslagen) plus drei Punkten in Flensburg bepreist. Das ist in der Relation so, als ob die hier passende Frage nach den Tassen im Schrank ab sofort zwei Jahresgehälter kostet. Aber: Respekt für die Dreistigkeit! Die Attraktivität dieses lukrativen Beutelschneidens liegt darin, dass der quasi unbekannte Verstoß gegen die Grundwerte des Abendlands so zählt als hätte man rabiat ein reguläres Rotlicht überfahren. Wozu dann aber das Lockvögelchen? Einnahmemethoden wie im Milieu.

In Anbetracht von Klimakatastrophe, Demographischem Wandel, Großer Koalition und anderen beschwerenden Gedanken schält sich die Frage heraus, womit befasst sich die Verwaltungskaste dieser Republik eigentlich? Haben wir wirklich im Zeichen souveräner Zukunftsbeherrschung Kapazitäten frei, um mit Ordnungskräften gegen ordentliche Steuerzahler Räuber und Gendarm zu spielen?

Mein Widerspruch wies übrigens darauf hin, dass der Aachener Polizeipräsident 88 ähnlich clever fabrizierte Zehntzettel auf Druck der Öffentlichkeit schreddern musste. Antwort blieb aus. Die Akte geht zum Staatsanwalt. Meine brave Seele rechnet fest mit Kriminalisierung. Der Rowdy in mir bleibt bis zur Haft renitent.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur