Ausgabe 1/2 • 2008 | Editorial

Von der Verflüchtigung der wirklichen Ökonomie

Wer will, lernt gerade ein neues Wort. Es heißt »Realwirtschaft«. Wir verdanken diese interessante Schöpfung der medialen Nachbetrachtung dessen, was als »Subprime«-Krise in den USA seinen Anfang nahm und nun als internationale Finanzkrise alle paar Wochen Furore macht. Ein Phänomen, das sich der konkreten Beurteilung entzieht. Zu verstehen war, dass Menschen in Amerika Hypothekendarlehen erhalten hatten, obwohl sie aus eigener Kraft kaum in der Lage sein würden, sie je zurückzuzahlen. Für die Banken lange ein feines Geschäft, mit dem Pferdefuß, dass die kaufmännische Voraussetzung für ein Geschäft fehlt, nämlich die gute Bonität des Schuldners. Solange die Preise für die unverdient erworbenen Immobilien warum auch immer stiegen, hätte man noch aus den Deals herausgekonnt, doch die Option verpfiff mit der hässlichen Marktwende. Übrig blieben Bücher mit viel ungesunder Luft. Gelackmeiert waren jene, die plötzlich unerfüllbare Schulden hatten, jene, die ihnen eben dieses Geld gegeben hatten, und jene, die solche Leihvorgänge in Massen aufgekauft hatten. Als eigentliche Missetäter wurden dann die namhaften Ratingagenturen ausgemacht, die dem Quatsch den Segen gaben. Sie hätten merken sollen, dass hier etwas vorging, was nicht geht.

So naiv diese Idee auch ist, dass sich der Brummschädel nach der Partynacht einen Spielverderber wünscht, der vor dem Suff warnt und ihn unterbindet: Richtiger Katzenjammer sieht anders aus. Denn es ist ja trotz einiger spektakulärer Einzelfälle noch nicht viel passiert. Kreditinstitute mit lauter Schwarze-Peter-Karten fielen mit Liquiditätsproblemen auf und mussten laut nach Stütze rufen. Manche Branchenadressen suchen notgeboren neue Eigentümer. Der größte Teil der Anbieterszene aber hilft sich mit happigen Wertberichtigungen über die Runden. Wem dereinst freilich keine Steuergelder blühen, dem steht sein dickes Ende bevor. Bei alledem wird der Eindruck erweckt, einerseits sei zwar mächtig etwas schief gegangen, andererseits aber auch nicht. Irgendwie wurden gigantische Werte vernichtet, aber virtuell.

Ähnlich verhält es sich mit den explodierenden Rohstoffpreisen. Als die Barrels »Brent« und »West Texas Intermediate« noch bei 20 Dollar lagen, sagten die Auguren dieser Welt erhebliche Beeinträchtigungen aller Handelsbeziehungen voraus, falls die Preise sich verdoppeln sollten. Heute, da sie sich vervier-, verfünf- und versechsfacht haben, sind wir nur noch gespannt, in welche schwindelerregenden Höhen sie sich noch heraufspekulieren lassen, ohne dass die »Realwirtschaft« wie früher prognostiziert kollabiert. Ein möglicher Grund für den seltsamen Stoizismus in den Industrienationen könnte sein, dass die meisten »Player« mit speziellen Versicherungslösungen Vorkehr gegen die Risiken unserer terminbörsenhörigen Zeit getroffen haben. Wirklich gekniffen sind die, die es ungeschützt trifft. Daher unlängst auch der Aufstand vor den Kühlregalen der Republik, als die Milchpreise übermäßig  stiegen. So immer und überall im globalen Dorf, wenn Grundnahrungsmittel rasant teurer werden, ohne dass es die Soja-, Mais- und Reispreisrückversicherungen für jedermann gibt.

Insofern scheint es tatsächlich zwei Ökonomien zu geben. Eine, die wie ehedem auf Tausch und Kauf von Gütern und Leistungen beruht, und eine andere, die Broker, Fondsmanager und Hedgefonds-Artisten betreiben, die windige Papiere auf die Abstraktion von Abstraktionen mit ungewissen Konsequenzen kennt. Bei alledem wäre wünschenswert, dass Gewinne und Verluste in den jeweiligen Sphären verblieben. Welche der beiden Welten aber ist wofür relevant? Hier passt die Lieblingsfloskel des Kölner Entertainers Stefan Raab: »Man weiß es nicht so genau.« Kaum ein Wort unserer Tage ist trotz und wegen Google und Wikipedia so wahr.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur