Ausgabe 3 • 2008 | Editorial

Kollateralschäden der forschen Globalisierung

Große Märkte sind gut. Große Turbulenzen sind schlecht. Je weiter das Meer, desto mehr Fische zu fangen, desto mächtiger aber auch die Kräfte, die Tsunamis erzeugen. Wachsen die Spielfelder, winken schöne Synergien, die Produktion, Distribution und Dienstleistungen verbilligen, doch es drohen ebenso hässliche Phänomene, die Profite rücksichtslos fressen. Diese Dialektik wirkt sich gegenwärtig an den Börsen rund um den Globus aus. In der weltweiten Wirtschaft geht es nicht bloß um die Wohlfahrtsgewinne, die aus dem freien Warenaustausch resultieren. Es geht zugleich um arge Begleiterscheinungen. Dazu gehören aggressive Spekulationen auf alle Rohstoffe und Güter, die nicht völlig narrensicher sind. Dadurch werden die Kosten inflationär getrieben. Dem starken Euro sei Dank in unserer Hemisphäre nicht ganz so brutal wie im Dollar-Raum. Zudem hat man immer mehr mit Hysterie und Panikmache zu tun. In diesem Sinne schwächeln heute Kurse in Shanghai, wenn ein Rind am Rio de la Plata morgen Maul- und Klauenseuche hat. Wackelt ein Sack Reis am Ufer des Yangtse, wackelt vorher schon der argentinische Peso. Beide Konsequenzen verdanken sich derselben grandiosen Fehlinterpretation. Das bereits vor Ort Bedeutungslose wird in der Ferne übertrieben befürchtet. So wie beim Kinderspiel »Stille Post«. Eine Flüsterbotschaft wird verballhornt bis sich der letzte Horcher im Namen des Nonsens blamiert. Hahaha, so war das doch gar nicht gemeint!

Etwa die irrationale Angst ums Öl: Als ob es nicht früher auch Bohrplattformen im Golf von Mexiko gegeben hätte! Und Hurrikans, die naturgemäß durch die Karibik randalierten! Kein Schlaumeier aber hätte jemals vor einer solchen Sause die Traute gehabt, aus der Mücke eines kleinen Förderstopps vor Yukatan den Elefanten einer potentiell langfristigen Strangulierung der Quellen zu machen. Temporäre Sachen regeln sich in komplexen Systemen. Und es gibt Tanks an Land, als Puffer. Asphaltergraute Autofahrer regen sich schließlich auch nicht auf, wenn der Vordermann Kilometer voraus kurz bremst. Der Gasfuß bleibt auf dem Pedal. Die Zuckung des Rücklichts ist irrelevant für das eigene Tempo. Nicht aber, wenn es drei Meter vor mir passiert. Dann muss ich mit ins Eisen tippen. Bei flächendeckendem Hagelschlag auf sämtliche Fördertürme Saudi Arabiens und der Emirate dürften Dow Jones, Nikkei, Hang Seng und Dax demnach zittern. Insofern passiert heute dauernd irgendwas irgendwo, was irgendeinen anderswo unter ganz ungünstigen Umständen betreffen könnte, wenn nur sicher wäre, dass es zu den unwahrscheinlichsten Kettenreaktionen käme. Ist es aber nicht. Schenkt man den jüngst von BP publizierten Zahlen Glauben, gibt es kein neues Szenario, dass der baldige Verbrauch des schwarzen Goldes droht. Armageddon ist nicht sieben Mal die Woche.

So verhält es sich auch mit vielen anderen Dingen, die sich tagtäglich ereignen, ohne angemessen wahrgenommen zu werden. Das Mögliche schlägt das Wirkliche. Maßstablose Übertreibung ist die finanztechnische Währung unserer Zeit. Theoriemodelle ohne Bodenhaftung haben das Erfahrungswissen abgelöst. Falsch vermutenden Analysten, ihren kennziffernverliebten Freunden im »Research« und allen anderen Verkündern fahrlässiger Vorhersagen ist ins Stammbuch der Spökenkiekerei zu schreiben, dass es alte Hausmittel gegen die Schreckhaftigkeit gibt. Das Beste ist Erinnerung. Das heißt, dass eine wohlverstandene Ereignisfolge von gestern immer noch vernünftige Prognosen erlaubt. Niemand muss so tun, als ob es keine historischen Entscheidungshilfen und Bewertungsmuster gäbe. Besorgniserregend ist allerdings, dass in ökonomischen Zusammenhängen die Idee reüssiert, verlässliche Vergangenheit für verheißene Zukunft zu opfern, nicht nur im Rating. Wer waghalsige Wetten auf Terminkontrakte platziert, hat einen Tinnitus durch die Knalleffekte platzender Preisblasen verdient.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur