Ausgabe 1/2 • 2009 | Editorial

Sich selbst vertrauen statt im Nebel stochern

Widersprüche währen ewig und halten Kluge von riskanten Entscheidungen ab. Erstere sind das Einzige auf dieser Welt, von dem es viel zu viel und bei Breitbandanschluss ständig Nachwuchs gibt. Sie vermehren sich exponentiell, da unsere Wahrnehmung im Overkill unreflektierter Meldungen oberflächlicher wird und Klärungskapazität fehlt. Wo im Trommelfeuer der Ereignisse keine Zeit bleibt, um Ursache und Wirkung zu sortieren, vernünftig zu argumentieren und ruhig Relevanzen zu prüfen, regiert die Deutungsanarchie. Besonnene Unternehmer stellen den Maschinentelegrafen in so dubiosen Situationen auf »Stopp«, höchstens aber auf »Langsame Fahrt voraus«. Bei saumäßig schlechter Sicht und wenn bewährte Seekarten versagen, könnten ja Eisberge oder Feindfregatten aus dem Wasser wachsen oder Piraten oder Klabautermänner oder sonst was Unkalkulierbares, was geeignet wäre, den eigenen Klipper vom Erfolgskurs abzubringen, in seiner Wettbewerbsfähigkeit zu beschädigen oder gar zu versenken.

Interpretationen und Vorhersagen breiten sich heute variantenreich international aus, statt in die Tiefe der Themen nach plausiblen Gründen zu tauchen. Damit halten Wahrheiten naturgemäß nicht mit. Wenn sich überhaupt noch welche zeigen, die Meinungsmache übersteigen, finden sie kaum Publikum. Das liegt am zunehmenden, zersplitterten Wissen unserer Epoche und daran, dass sie Spekulationen mehr als beglaubigten Geistesblitzen vertraut. Das ist zugleich der Fluch von echten Erkenntnissen und Innovationen, die näher betrachtet immer nur temporäre Lösungen bieten, die im Zeichen von Fortschritt, Mode und Geschmack wieder und wieder optimierbar sind. Täglich schlauer und besser zu werden, heißt zu lernen, dass die gestern vermeinte Schlauheit und das gestrige Gutsein noch entwickelbar waren. Der Philosoph Martin Heidegger deutete bereits darauf hin, dass kreatives Denken auf Kosten der mentalen Reserven geht, weil unsere Urteilsfähigkeit trotz aller Übung nicht nur zunimmt, sondern schwankt und morgen sogar schlechter als heute sein kann. In Anbetracht der hohen Komplexität der Datenausgangslage, die uns die globale Wirtschaftskrise beschert, sind unsere Vorstellungen von ihrem Verlauf unsystematische Zufallstreffer, weil wir mit jeder Erleuchtung etwas vergessen, was uns kurz zuvor noch aufgegangen war. Die Menschheit ist also ziemlich unbegabt dafür, selbst die Wiederholung ihr bekannter Fehler zu vermeiden. Hinzu kommt, dass das Verstehen von verstörenden Dingen darauf fußt, sie fassen zu können.

Ganz in diesem Sinne versagen klassische Erklärungsmuster im Angesicht der akuten Gefahr. Was früher ein Abschwung und später ein Aufschwung war, der Lieblingszyklus der Ökonomen, wirkt im Rückblick auf die kleinen Täler und Hügel der Kürvchen bloß wie Kinderkram. Die gegenwärtige Katastrophendimension ist gemessen an unseren Erfahrungen zu groß. Die Verlustszenarien führender Industrieländer haben sich seit dem Platzen der Internetblase um Vorkommastellen gemausert. Die breiten Zahlenmonster, die inzwischen aufgerufen werden, löschen ihre braven Ahnzahlen aus. Unsere Wohlfahrtsexistenzen sind eminent bedroht, und leider nicht nur an panischen Börsentagen. Die mittelfristige Vernichtungsgewalt der entfesselten Notenbankenmächte mit Blick auf Sachwerte, Buchwerte und Geld ist bestürzend. Indessen werfen Schuldenpolitiker böse Bürgschaftsbumerangs um den Globus, die keine sichere Umlaufbahn erreichen. Diese Krummhölzer fallen bald mit zerstörerischer Geschwaderkraft auf den Boden der Tatsachen zurück. Eine morbide Disziplin. Dabei legt sich keiner fest, wann und wodurch man das bodenlose Jahrtausendfass der Finanzphantasten je wieder abgedichtet bekommt. Den Schwall dieses Guthabengifts werden immer saugschwächere Dollars und Euros jedenfalls kaum vertupfen. Also wachsam sein. Wir wollen ja nicht alle in die Schweiz.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur