Ausgabe 1/2 • 2011 | Editorial

Streifzug durch eine aufregende Gegenwart

In der letzten Zeit passiert ziemlich viel auf der Welt. Und wir haben alles überlebt. Zuerst den peinlichen Verlust von Deutschlands royalem Hoffnungsträger, Minister zu Guttenberg, dessen Gegner dessen Freunde anlässlich der letzten Demonstrationen für und wider ihn mit dem wunderbar unernst gemeinten Plakatspruch »Monarchie jetzt!« provozierten. Dann die heftigen Unruhen in Nordafrika und im Arabischen Raum, anlässlich derer wir mit dem Umsturz in Tu­ne­sien und in Ägypten plötzlich dank neuer Diktion der Kommentatoren lernten, dass die lang­jährigen Macht­haber unserer Gunst schlimme Tyrannen seien, die selbstverständlich durch Demokraten unserer Gunst ab­ge­löst werden müssten. Dieses politisch nun korrekte Fähnchen hängt gut im Wind. Dann kam Japan mit zwei furchtbaren Naturkatastrophen und einem beispiellosen Atomunfall, an dem die Welt noch lange leiden wird. Im »Fall out« dieses alles andere stark überstrahlenden Ereignisses fanden bei uns Landtagswahlen statt, deren Ergebnisse, zumal in Baden-Württemberg, viel von dem in Frage stellen, was bisher in unserer Gesellschaft mehrheitlich als ausgemacht galt. Außerdem duckte sich Portugal nach Griechenland und Irland und vor Spanien unter den Rettungsschirm, womit der arme Euro ein weiteres Scharmützel in seinem Überlebenskampf verlor. Guido Westerwelles Demontage gab es zum Dessert.

Bei alledem und trotz alledem erfolgt die öffentliche Verarbeitung der tatsächlichen und der vermeintlichen Katastrophen immer noch nach einem nicht aufgeklärten, naiven Muster, das die Ereignisse Schritt für Schritt begleitet, sich aber offenkudig weigert, hinsichtlich wahrscheinlicher Entwicklungen vorauszudenken und ein »Worst case«-Szenario zu entwerfen, so wie verantwortungsvolle Unternehmer dies tun. Der allgemeinen Wahrnehmung des Welt­ge­schehens fehlt erfahrungsgestütztes antizipierendes Denken in Konsequenzen, eine Ereignisfolgenabschätzung gewisserma­ßen. Statt dessen werden in den Fernseh­nach­richten und in den Leitartikeln symbolische Handlungen in ihrer Be­deutung überschätzt. Genauso wenig wie die Entmachtung von Herrn Hussein im Irak als Lösung eines Problems zu betrachten ist, sind wie auch immer ausgelöste Regimewechsel Lösungen von Problemen. Die Herren Ben Ali, Mubarak und Gad­dafi können trotz Aufbegehrens ihrer Untertanen Nachfolger haben, ohne dass sich deshalb für die meisten Menschen in diesen Ländern nachhaltig etwas ändern muss.

Ebenso unzureichend die mediale Mitverfolgung des Tsunami in Fernost und seiner Folgen für den Meiler Fukushima. In den ersten Tagen danach passten auf keinem Sender die Bilder zum Ton. Man sah Verheerendes und hörte Beschwichtigung. Sämtliche Experten, die nach und nach zu den drängenden Fragen der Stromversorgung, der Kühlung der Reaktoren und zu ihrem Zerstörungsgrad sprachen, waren ausschließlich auf den Ist-Zustand der verfügbaren Informationen fokussiert. Die Bewertungen traten folglich auf der Stelle und kamen nur prozessorientiert als fachmännisch paraphrasierende Beschreibungen dessen, was jeder Laie selbst verstand, nicht aber als ergebnisorientierte »Wenn-dann-Szenarien« rüber. Niemand griff geistig wirklich vor, um die durchaus erkennbaren Eskalationsstufen des Schrecklichen vorzuzeichnen. So ähnlich übrigens wird gern auch regiert. Vielleicht ein Selbstschutzreflex. Man stellt sich dümmer, als man ist, getreu dem Motto, dass noch nicht ist, was noch kommt.

Aber das geht so nicht. Die Verantwortung all jener, die in Führungspositionen mehr von gro­ßen Gefahren wissen als die meisten, muss sich darin zeigen, eben diese vor vermeidbarem Scha­den zu warnen und idealerweise zu bewahren. Die Steuerleute unserer Welt der Politik, der Wirt­schaft und der Wissenschaft dürften nie sagen, die Klippe hätte das Schiff gerammt.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur