Ausgabe 11 • 2003 | Editorial

Bilanzen zwischen Hoffen und Bangen

Spötter sagen, das einzig zuverlässige bei einer Bilanz sei der Stichtag, zu dem sie ihre Summen und Salden zieht. Da ist was dran. Der fixe Erstellungstermin ist allerdings zugleich ein Problem. Man tut so, als ob die fiktive Demarkationslinie wirklich gültig wäre, als ob man den dynamischen Geschäftsprozess tatsächlich zwischen Neujahrsläuten und Sylvesterböllern eingenordet bekäme. Dabei hält sich kein Geschäft mit kalendarischen Mätzchen auf. Soll und Haben fragen nicht nach Sonnenwende oder Jahresende, sondern schlicht nach Gelegenheit. Da Abschlüsse aber sein müssen, ist die Weihnachtszeit auch die hohe Zeit der steuerberatenden Berufe. Was werden hier für lyrische Diskussionen geführt, von sonst wortkargen Buchhalterseelen, etwa über den zeitlichen Charakter des wesentlichen Teils einer Leistungserbringung, über die variantenreiche Datierung von Rechnungen, über die rechnungsersetzende Zusicherung einer Lieferverpflichtung oder – Achtung: Worst case- über unheilvolle Wertstellungen der Bank, die sonst wunderbar üppige Kontoauszüge um den Jahreswechsel herum womöglich aus Versehen mit Valuta »Januar« kastrieren.

Die Spielanleitung heißt: Man kann als Unternehmen am Ultimo der Sache nach reich sein und rechnet sich auf dem Papier pflichtschuldigst arm. Andersherum geht es zwar auch, steht aber hier im Hinblick auf den mittelständischen Durchschnittsfall mit transparentem Betriebsvermögen und Dauerdruck auf der Eigenkapitaldüse nicht zur Debatte. Das Standort-Optimum heißt heute »Schwarze Null«, schon aus Solidarität mit der immer noch schlechten Konjunktur, sowie aus Pragmatismus gegenüber dem Steuerzoll, der auf ein sattes Ergebnis fällig wäre. Tief schwarze oder rote Zahlen rufen ohnehin nur Handlungsbedarf hervor. Da kann man ja Abgrenzungen machen oder an Rückstellungen denken.

Akzeptiert man nun das Fallbeil, das alle 365 Tage fällt, dürfen einem kurz vor dem Schwur auf die OPOS-Liste zwei Dinge zuverlässig nicht mehr passieren: Gewisse Außenstände haben gefälligst keine Schwäche zu zeigen und spät eingehende Rechnungen ans eigene Kontor dürfen keine unerwartete Kommaverschiebung enthalten. Sonst wird es auf den letzten Metern eng. Je nach Branche sind die Beine längst vom täglichen Hindernislauf schwer oder der eigene Markt macht eine kleine Winterpause. Soll heißen: Alles, was an unliebsamen Sachen jetzt noch gravierend die Optik stört, droht zum Supergau des monatelang aufgebauten Zahlenwerks zu werden. Große Reparaturen kurz vor zwölf sind keine gute Idee und treiben nur notorischen Dilettanten keinen Schweiß auf die Stirn.

Indessen werden im Zeichen der für viele Marktteilnehmer ablaufenden Eieruhr im späten Dezember auch Charaktere erkennbar. Da gibt es begnadete Bremser, die schon im Herbst ihre Bleistifte zählen und lieber Stümmelchen zwiebeln als noch vor dem Fernziel neue zu kaufen, und es gibt die spät Erwachten, denen erst mit schwindendem Tageslicht dämmert, dass ihre Scheuer noch ein paar Scheffel Euros wohl vertragen kann. Die machen fleißig Sonderangebote, strengen sich aber jedenfalls an. Am besten ist, in seiner Kundschaft möglichst viele Marke »unverzagt« zu haben. Bloß erkennt man die nicht an den Bilanzen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur