Ausgabe 3 • 2002 | Editorial

Die wichtigste Aufgabe im Leben jedes Unternehmers

Nachfolger sollen zwei Dinge können: Bewährtes bewahren und die Zukunft gewinnen. Keine leichte Aufgabe, aber eine dankbare Herausforderung für tatkräftige Naturen. Das Titelthema ist dieser Schlüsselfrage von Familienunternehmen gewidmet, wie ihre Kontinuität gesichert werden kann. Ein Schwerpunkt liegt auf den Beweggründen der jüngeren Generation. An ihr hängt alles. Sie soll erkennbares Talent für das Geschäft und starke Neigung haben, den vorgezeichneten Beruf aus freien Stücken als Berufung zu empfinden. Das ist viel verlangt. Aber es wird auch viel gebraucht, um ein Unternehmen im Sinne seiner Tradition mit Sachverstand und natürlicher Autorität im ruppigen Wettbewerb chancenorientiert zu führen. Zumal es für das Quentchen Glück, das selbst jeder erfahrene Unternehmer bei aller Klugheit und bei aller Umsicht immer wieder braucht, keine Garantieerklärung durch die Märkte gibt.

Das Problem besteht ja gerade darin, dass bestimmte persönliche Eigenschaften, egal ob bei Sohn oder Tochter, unbedingt erfüllt sein müssen. Gefragt sind solide Generalisten mit hoher Branchenkompetenz, die strategisch denken, Ziele kommunizieren, Allianzen nicht scheuen und operativ in der Lage sind, Nischen zu schaffen, zu erobern und dauerhaft zu besetzen. Einseitige Charaktere haben mittelfristig keine Chance, weil sie die eigentlichen Herausforderungen weder erkennen noch bestehen. Familienunternehmen leben nicht von Managementmoden, sondern vom Marktgespür des Mannes oder der Frau an der Spitze.

Wie nun bekommt man als Senior das Kunststück hin, seine Gesamtverantwortung im Minenfeld betrieblicher und familiärer Belange erfolgreich zu übergeben? Die wissenschaftliche Forschung weiß erstaunlicherweise nur wenig zu dieser wichtigen Frage zu sagen. Wenn überhaupt mit der Nachfolgeproblematik befasst, geht es bei empirischen Studien bislang mehr um die Konsequenzen für das Unternehmen selbst als um den handelnden Unternehmer. Zur Entschuldigung ist anzuführen, dass die Umstände der Übergabe so individuell wie vielfältig sind, dass sich keine Einzeldisziplin wirklich zuständig weiß.

In der Praxis gibt es die glücklichen Familien, in denen Eltern ihr Lebenswerk im eigenen Haus zur rechten Zeit ohne Reibungsverluste in jüngere, wieder unternehmerisch begabte Hände geben. Dann gibt es die größere Gruppe, in denen im Grunde geeignete Kinder erst mit gelinder Überzeugungsarbeit Freude an der ihnen angetragenen Aufgabe finden. Härter sind die getroffen, denen auch diese Option nicht zu Gebote steht. Scheiden selbst Neffen, Nichten, Schwiegersöhne und Adoptionslösungen aus, stehen die Zeichen wohl oder übel auf Verkauf. Wählbar bleibt meist noch der Käufer. Schlimm wird es, wenn sich zu den ausgelobten Konditionen niemand findet, der fortsetzen will.

Indessen scheint die Veräußerung in den letzten Jahren gängiger geworden zu sein und allgemein etwas nüchterner betrachtet zu werden. Dessen ungeachtet bleibt es bei der einzigen Empfehlung, die sämtliche Berater im Sprachschatz haben: Wer früh mit der Nachfolgeplanung beginnt, tut sich einen großen Gefallen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur