Ausgabe 3 • 2004 | Editorial

Prioritäten, Zeit und einige andere Dinge

Ein Unternehmer, der seine Brötchen selbst mitverdient, schafft heute kaum mehr sein Tagesprogramm. In einer globalisierten digitalen Welt, die einen Overkill an Informationen und Nichtigkeiten produziert, gelingt es kaum noch, sich nur auf die Führung und Entwicklung des Geschäfts zu konzentrieren. Ständige Störungen verwandeln ehrliche zwölf Stunden Arbeitszeit in ein Frickelwerk aus tausend und einer operativen Nötigung. Da hilft kein Organizer und keine Vorzimmerfee, die den Zutritt zum Bossbüro verwehrt. Nicht einmal der Vorsatz, sich intern und extern von nichts und niemandem abhalten zu lassen.

Beispielsweise gibt es Mitarbeiter, die ihren eigenen Beritt in Anbetracht des für alle unübersichtlichen Geländes bloß bis zum ersten Koppelzaun erkunden, um dort regelmäßig aus dem Sattel zu steigen, auf das der Chef Ihnen dauernd wieder aufs Pferd helfen kann. Man nennt das Rückdelegieren. Im »worst case« droht zudem die Gefahr, in zeitraubende Diskussionen verwickelt zu werden. Hier gilt: Wenn Sie mehrere Menschen um sich haben, deren Produktivität sich an der Zahl erkannter, aber unüberwundener Hindernisse bemisst, ähnelt Ihre Existenzbedingung einem Dauerhorror im Survivalcamp. Statt wichtige Dinge zum noch Besseren zu wenden, vergurken Sie Ihre Kraft mit Quatsch. Dabei wäre es leicht: Jedermann im Unternehmen macht sich klar, dass es nicht um Probleme, sondern um die Lösungen geht, mit denen man Geld verdient. Für bloßes Bemühen gibt es keinen Blumentopf. Ganze Rabatten aber für Resultate.

Dann gibt es noch die vielen Blender und Zauderer unserer Welt, leider auch in der Wirtschaft. Leute, die Sie gründlich mit Beschlag belegen, weil sie angeblich Großes planen, mit festem Termin und mit Budget, obwohl sie dann nie in die Wertschöpfung kommen, weil sie ihre Ideen nicht prüfen, weil sie unvernünftig handeln, bevor sie denken, weil sie nicht wissen, was sie wollen und wie etwas überhaupt geht. Tagediebische Zeitgenossen, die ihr Berufsleben lang notorisch keine intellektuellen Hausaufgaben machen und nur so sein und bleiben können, wie sie sind, weil sie da, wo sie sind, auch keine Sanktionen zu befürchten haben, wenn sie Quartal für Quartal statt Wachstum lauwarme Luft erzeugen.

Nicht zu reden in diesem Zusammenhang von den Verstopfern dieser Welt, die keine Nachricht richtig kommunizieren, von Blockierern, die nur sich selbst betreiben, von den Unzuverlässigen, von den Inkompetenten, den nicht Zuständigen und den angeblich Zuständigen, die tatsächlich für rein gar nichts verantwortlich sind, von den Gutartigen und den Gutwilligen, die vor lauter Nettsein weder Theorie noch Praxis beherrschen. Geschwiegen sei auch von den Verbohrten, die »win-win« für reines Teufelszeug halten und das auch praktizieren.

Was bei alledem bleibt, sind die ureigenen Prioritäten wie ehedem, als es weder Computer noch Internet gab, der Mut zum modernen Tunnelblick, die mittelalterlichen Künste der Einfachheit und Klarheit von Prinzipien und Prämissen, die Trennung von Wesentlichem und Unwesentlichem, kurz, die Fähigkeit, seine persönlichen »Big Points« im Auge zu behalten und sie auch getrost zu machen.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur