Ausgabe 3 • 2005 | Editorial

Unlauterer Wettbewerb ohne alle Konsequenzen

Der Volksmund kennt den »Falschen Fuffziger«. Das ist einer, der Regeln verletzt, und zwar so, dass er keine Freunde mehr hat. Beschiss wird mit sozialer Ächtung vergolten. Im Geschäftsleben geht es unzüchtiger zu. Wer dreist genug ist, Dritte vorsätzlich zu »befuddeln«, hat beste Chancen, damit durchzukommen. Das hat damit zu tun, dass die Gesetze, speziell das UWG, von Juristen ausgelegt werden, die Theorie und Praxis für Paralleluniversen halten. Gerichte üben sich in Abstinenz, sofern keine hieb- und stichfesten Beweise erfolgen, was bei großer Täuschungskraft des Täters und in zig Millionen rechtlicher Grauzonen regelmäßig aussichtslos bleibt. Augenschein und Evidenz, ellenlange Indizienketten, Berichte von über den Löffel Balbierten und sogar der Selbstverrat des fröhlichen Halunken nützen nichts. Der flutscht als Aal im Karpfenteich durch jeden Käscher.

Zugegeben: Das Problem tritt weniger beim Schraubenverkaufen auf. Handfeste Ware, die den Erwartungen nicht entspricht, ist meist reklamierbar. Anders aber bei Dienstleistungen aller Art. Versprochene Kompetenz ist oft kaum zu prüfen. Jeder weiß, wie schwer es ist, einen Computermann zur Rede zu stellen, wenn der die Software auf dem Server zerschießt, statt sie mit seinem angeblichen Know-how noch schneller zu machen. Oder einen TK-Techniker, der einen selbst verursachten Kurzschluss in der nagelneuen Telefonanlage unschuldigst mit einem Blitzschlag in Honolulu erklärt. Noch schlimmer sind die Dinge dann, wenn eine ausgelobte Leistung nur nach Treu und Glauben erworben wird. Das ist bei Medien der Fall, die Werbetreibenden eine bestimmte Zielgruppe, eine garantierte Reichweite, einen Imagegewinn, eine Umsatzwirkung und weitere Werte verkaufen. Kein Kunde kann das Preis-/Leistungsverhältnis wirklich verifizieren.

Da blindes Vertrauen aber keine gute Grundlage für größere Überweisungen ist, gibt es einen ehrenwerten TÜV für alles Gedruckte, der die viele Spreu im Printbereich vom wenigen Weizen trennt. Die »Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern« e.V., kurz IVW, das Logo finden Sie im Impressum, checkt die angeschlossenen Verlage einmal im Jahr auf Herz und Nieren. Wer nichts zu verbergen hat, lässt diese peinliche Prozedur über sich ergehen und korrigiert gegebenenfalls seine (meist zu günstige) Selbstdarstellung im Markt. Wer hingegen nicht der IVW angehört, kann behaupten, was er will, etwa, dass er bundesweit erscheint, obwohl er außerhalb von Hintertupfingen nur noch ein verwehtes Exemplar auf Helgoland, ein zweites in Flensburg, ein drittes in Kötzschenbroda, jedenfalls nur einen Briefkasten pro Bundesland hat.

Genauso verhält es sich mit allen anderen Angaben, die üblicherweise zur Preisbildung dienen. Abonnentenzahlen können frei erfunden sein, auch die Auflage muss nicht stimmen. Der Vertrieb kann im Schreddern statt im Versenden bestehen. So maßt sich eine schlimme Unternehmerschrift aus dem Süddeutschen  »Strategische Partnerschaften« an, mit dem Wahrheitsfehler, dass die besseren Hälften dieser Allianzen gar nichts von ihren angedichteten Beziehungen wissen. Dieselbe Postille will auch Glauben machen, dass sie in Varianten erscheint, doch es gibt nur ein Heft für alle. Sollte man aber darauf nicht auch verzichten?

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur