Ausgabe 3 • 2007 | Editorial

Falsche Strategien und viele Fehleinschätzungen

Strategien sind immer etwas sehr Großes. Sie verfolgen ein fernes, attraktives Ziel, dessen Erreichung maximalen Lohn verspricht. Je weiter dieser Ankerpunkt in der Zukunft liegt, um so mehr Nachruhm werden die Geschichtsbücher einst dem Vater des Gedankens attestieren. Bedingung ist, dass der Generalplan gelingt. Nach diesem Schema werden die Altkanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl als Miterfinder des modernen Europa gefeiert. Bei Misserfolg sieht es gnadenlos aus. Grandioses Scheitern sucht sich seinen Sündenbock. Bei kläglichem Versagen bleibt Ratlosigkeit zurück.

Als Jürgen Schrempp vor Jahren seine »Welt AG« bauen wollte, beeindruckte die Vermessenheit der Idee. Das gerade zu besichtigende Milliardengrab spricht für sich. Die Verführungskraft des Entwurfs machte blind für die Risiken. Wer aber als Firmenlenker rosige statt realer Chancen sieht, ist ein Traumtänzer, dem die Realität alsbald den Boden unter den Füßen entzieht. Demgegenüber entsprangen die genialen Feldzüge Hannibals im Zweiten Punischen Krieg gegen die stets überlegenen Römer einem klaren Bewusstsein im Hinblick auf Zeit und Raum für militärische Manöver. Nur bei richtiger Einschätzung des eigenen Potentials sind herausfordernde Wege zu beschreiten, selbst mit Kriegselefanten über die Alpen.

Per aspera ad astra. Ja, wie denn sonst? Hier aber liegt die Krux: Seine eigenen Möglichkeiten wirklich zu kennen – und natürlich seine Branche, seinen Wettbewerb und seinen Markt. Das aber setzt die Demut voraus, in Anbetracht fehlender Voraussetzungen vielleicht auch passen zu müssen. Was wäre nicht alles schön, könnte man es erreichen? Lauter Vorteile, die als Trugbild eben nicht nur dem Tüchtigen winken, dessen ungeachtet aber redlich erobert sein wollen. Das ist bei aller Zweifelhaftigkeit im Wirtschaftsleben ein Moment von Gerechtigkeit.

Wille mag zwar Berge versetzen, aber Ressourcen und Know-how braucht es auch. Kapital allein löst keine Probleme. Insofern fängt Gestaltung immer in der Gegenwart an. Wo stehen wir aktuell und wo wollen wir stehen? Was gelingt uns und was nicht? Was wird besser, wenn wir dieses oder jenes ändern? Wo fehlt es an Dingen, die wir gar nicht besitzen? Kann man diese Kompetenzen kaufen? Haben wir Standards, die sich multiplizieren lassen? Was ist mit den Produkten? Ist das Schaufenster unseres Unternehmens heute und morgen lukrativ bestückt?

Vor diesem Hintergrund fallen Schaumschläger auf, die sich pompös positionieren. Die einen Stellenwert in Anspruch nehmen, der ihnen schlicht nicht gebührt. Die vollmundig ein Können verkaufen, das sie gar nicht besitzen. Die ein Partner sein wollen, ohne ein Partner zu sein. Sonntagsredner der Ökonomie, die warme Worte als Tatenersatz vertickern. Und die mimosig werden, falls jemand Proben aufs Exempel macht. Leute, die gern ein Leuchtturm unter Lieferanten von Waren, Dienstleistungen oder Inhalten wären, die aber leider nur Leuchtturmwärter sind.

Gute Strategien wurzeln alle in Bescheidenheit. Ihr Treiber ist Mut, nicht Übermut. Je uneitler und ehrlicher die Analyse des Status quo, desto mehr gesunde Entwicklung, da solches Wachstum nachhaltig ist. Erkenne Dich selbst und siege!

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur