Ausgabe 3 • 2010 | Editorial

Wenn kein Bürge mehr für eine Bürgschaft taugt

Schön, dass wir noch da sind. Die Kanzlerin hat uns gerettet, wieder einmal. Gut, dass sie das gut kann, wobei man nicht so ganz genau weiß, was das wirklich bedeutet. Die Anlässe häufen sich jedenfalls seit 2008, die Abstände zwischen ihren beispiellosen Interventionen sind kurz und die Summen, die sie im internationalen Großcasino, das wir ehrfurchtsvoll Globalisierung nannten, an die Verlierertische bringen muss, dürfen bestürzen. Nur zu gerne würde man als braver Mitteleuropäer, der zur Wirtschaftswunderzeit bloß Mau-Mau beigebracht bekam und »Va banque« angstblass mit »Alles oder nichts« assoziiert, wissen, wie dieses Spiel eigentlich heißt. Hier kann man ja verschiedener Meinung sein. Mir scheint, es ist das »Große Weitermachen wie bisher«, nur unter neuen Namen. Immerhin kennen wir ja schon die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise, die Staatsschuldenkrise und die Währungskrise. Da ließen sich ja noch Begrifflichkeiten finden. Vielleicht Konsumgesellschaft, Demokratie oder Abendland? Tatsächlich hat der Umgang mit dem Phänomen unbeherrschbar gewordener Verbindlichkeiten mit dem völligen Verlust von Realitätssinn zu tun. Dabei ist es doch ganz simpel: Alle sind pleite.

Die Pokerexperten unter den Leitartiklern, die unaufgedeckte Karten für berechenbar halten, wollen hoffen lassen, dass das Kranke in Kürze gesundet. Quasi eine kollektive Heimkehr in den scheinbar profitablen Wohlstand zuvor. Die Adern der führenden Volkswirtschaften müssten nur wieder bald frisches Euro- und Dollarblütenblut pumpen, derweil das viele alte Geld in den schwer perforierten Venen der Finanzwelt stockt, damit die Industrien und die BIPs wie früher wachsen und die Kreislaufschwäche des Kapitalismus überwinden. Die Würfelfreunde unter den Kommentatoren, die das Glück schon mehr als Zinker brauchen, geben zu, dass ein Kollaps des Systems mehrfach möglich war, setzen aber dessen ungeachtet auf einen Pasch. Vielleicht nicht gleich auf die Doppelsechs, aber dann doch auf die Doppeldrei. Auch bei diesen Analysten bleiben die Fundamentaldaten der Märkte das Maß der Dinge. Sie raunen vom nächsten Aufschwung, ohne seinen Beginn zu spezifizieren, und hängen insofern ihren Fehlschlüssen weiter an. Die Kesselgucker, die was von Roulette verstehen, und erkennen, dass am Ende stets die Bank gewinnt, und zwar nicht nur wegen der Purzelfalle mit der unscheinbaren Null, ahnen immerhin, dass die Party zumindest auf Sicht vorbei sein könnte, gehen aus den volatilen Wertpapieren raus und in die Sachwerte rein und horten gegenwärtig Gold. Sie wollen gewappnet sein, wenn es nach dem Fiasko um grandiose Schnäppchenrenditen geht. Natürlich kommt nach Rot irgendwann schwarz, aber halt nur, falls noch jemand den Mindesteinsatz schafft. Sonst nämlich ist nach Rot der Kreisel tot und Vater Staat gleich mit. Die hart Gesottenen unter den Zockern lieben russisch Roulette. Das ist auf seine Art und Weise ökonomischer. Nur einen Klick oder Knall bis zur Unsterblichkeit oder Ewigkeit. Manager von Hedgefonds, gefährliche Wettneurotiker, haben diese Mentalität, wenn sie nicht mauscheln. Dass das überhaupt keinen stört: Wilde Spekulation als Wirtschaftsprinzip! Wegen der Preisbildungseffizienz! Als ob Effizienz immer und nur prima wäre! Wie meschugge sind wir denn?

In diesem Sinne besteht die Chance zu verstehen, dass nichts mehr so ist wie es war und also auch nicht mehr so werden wird. Die Politiker, die uns mehrfach eine unverdiente Verlängerung erkauften, sind verbraucht mit ihrem, unserem Vermögen. Die Notenpressen produzieren nur noch Inflation. Nun müssen wir Verschwender uns bescheiden. Hier kann man zugeben, dass die reichen Länder ihrer Zukunft als Vergangenheit begegnen, weil ihr Lebensstandard auf Insolvenzverschleppung beruht, oder man kann den »Crash« auf allen Kontinenten betreiben, nur weil es einfacher scheint. Frau Merkel: Bitte retten Sie uns dieses Mal richtig!

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur