Ausgabe 3/4 · 2016 | Editorial

Im Übergang zu einer allmächtigen Ökonomie

Wir leben in aufregenden und in aufgeregten Zeiten. Hypes nehmen zu. Das spricht für die Strahlkraft mancher Themen, aber es spricht auch für unkontrollierte Euphorie. Tatsächlich trifft man immer wieder viel zu große Erwartungen an, die alles Heil der Welt von einer Idee erwarten. Dabei verhalten wir uns ungefähr so unvernünftig wie frisch Verliebte. Wir tun so, als ob eine Sache nur toll und nur vorteilhaft ist, vermutlich, um unsere Anfangswiderstände zu überwinden. Menschen haben diesbezüglich keine gute Urteilskraft. Wenn dann im Laufe der Zeit Enttäuschungen kommen, regulieren wir unsere Einschätzung nach. Mit der zunehmenden Nüchternheit kehren wir zu dialektischen Betrachtungen zurück und suchen ein ausgewogenes Urteil. Dies geht naturgemäß auf Kosten der Begeisterung und der Leidenschaft, die unsere Hoffnungen und Phantasien bis dahin ziemlich blind getrieben haben. Dieser Mechanismus ist immer gleich, unabhängig vom Anlass.

Neues, dass sich als gewaltiger Fortschritt oder als gewaltige Innovation geriert, ist besonders geeignet, um uns intellektuell und emotional zu affizieren. Doch da man ja den Kater nach dem fröhlichen Abend schon kennt, bleibt Vorsicht geboten. Das gilt momentan auch für die sagenhaften Prophezeiungen der »Industrie 4.0«. Hier scheinen alle Grenzen überwindbar zu werden, die Herstellern je gesetzt gewesen sind. Der traditionelle Begriff der Märkte löst sich auf. Der Planet scheint zu einem einzigen gigantischen Konsumentenparadies zu werden. Während es bislang allenthalben Limitierungen gab, physisch im Hinblick auf die Arbeitskräfte, kapitalseitig auf das nötige Geld, räumlich auf die Präsenzen vor Ort und auf die Distribution, von Hemmnissen im Wettbewerb und durch Rahmenbedingungen ganz zu schweigen, scheinen diese Probleme unter den Vorzeichen völliger Vernetzung außer Kraft zu setzen zu sein. Dabei ist der Gedanke frivol, aus der Möglichkeit, Maschinen und Systeme final zu optimieren, zu schließen, dass die Technik und die Technologien selbst den Sinn ihrer Turbosierung finden.

Die Globalisierung der letzten Jahre war vor allem durch den weltweiten Zugang zu hungrigen Abnehmerschaften geprägt, die sich aufgrund des Internets, billiger Fertigung, überlegener Produkte und ausgefeilter Logistik aussichtsreich ansprechen ließen. Inzwischen aber laborieren alle relevanten Volkswirtschaften immer noch an den Folgen der strukturellen Krisen, die das genuine Wachstum seither beschneiden. Vor diesem Hintergrund gehen die »Emerging markets« aus. Es gibt keine weißen Flecken mehr, die mit der nötigen künftigen Kaufkraft darauf warten, die Stagnation anderswo auszugleichen. Was bleibt, ist das, was auf verteilten Feldern bleibt, nämlich seine existierenden Kundenstrukturen systematischer aus zuschöpfen. Insofern ist auch zu erklären, warum es keinen Anbieter im digitalen Kosmos gibt, der nicht alsbald versucht, werbefinanziert auch anderes, vor allem aber mehr, abzusetzen. Google, Amazon und Zalando sind Prototypen dieses Trends, vom Spezialisten zum Allrounder mit Monopolvorteilen zu eskalieren.

Wer sein Geschäftsmodell nicht virtualisieren kann, soll branchenübergreifend kooperieren. Das aber, was alle tun, wird für alle falsch. Hier sollten wir Erfahrungen mehr als Verheißungen vertrauen. Jeder Unternehmer vertraue weiter seinem Weg.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur