Ausgabe 3/4 • 2013 | Editorial

Die deutschen und die amerikanischen Dienste

Dank an den BND und an die NSA. Beide interessieren sich für mich. Und nicht nur sie, sondern viele ihrer verbündeten und verfeindeten Wettbewerber auch. Ich bin Teil eines Aufmerksamkeitsmarktes. Das ist sehr schön. Leider lässt sich diese anhaltende Anteilnahme an meiner Person nicht als Zuwendung erleben und ist ja naturgemäß auch kein Angebot zur Interaktion. Es handelt sich um die ständige Beobachtung meiner Aktivitäten, zumindest meiner Kommunikation, mei­ner Kontakte und meines Verhaltens in der digitalen Welt, das mei­­ne realen Absichten, Umstände und Zustände reflektiert, insofern um Observation, Zensur und Bedrohung. So wichtig möchte ich nicht sein und bitte höflich darum, mich nur bei starkem Verdacht auf um­stürz­lerische Pläne ins Visier der Weltaufsicht zu nehmen und dann konventionell nach mir zu fahn­­den. Nüchtern betrachtet reden wir über eine Ungeheuerlichkeit in der Sache, über eine Unverschämtheit in der Durchführung und über eine Unglaublichkeit in der politischen Reaktion.

Als der Supergau durch Herrn Snowden ans Licht kam, griffen alle bekannten Mechanismen, die dafür sorgen, die Dinge auf diesem Planeten schlimmer zu machen. Kein Mensch in Berlin hat sich hingestellt und erklärt: Das geht gar nicht! Damit machen wir sofort Schluss! Und zwar auf Kosten welcher Sanktionen unserer transatlantischen Freunde auch immer. Das alte aufgeklärte Europa wird wahrhaftiger sein als die von Gigantomanie getriebenen USA. Statt dessen: Rumgeeiere und spontanes Verschieben des Themas vom Anlass weg auf die absolut nachgeordnete Frage, wer wann was davon wusste. Damit war die Behandlung des Ereignisses tot. Die Protestenergie wird auf Nebenschauplätze abgelenkt so wie die Hochfluten von Oder, Elbe und Rhein auf Pollerwiesen. Es ist wie mit dem Seitensprung: Der betrogene Partner will immer wissen, wer und seit wann? Auf die wahrheitsgemäße Auskunft folgt Depression. Danach wird Aggression gegen den Liebestöter frei. Diese erschöpfende emotionale Abfuhr verhindert die rationale Befassung. Wer das Prinzip nicht versteht, wird es auch nicht ver­teidigen. Kein Bundespräsident, keine Kanzlerin, kein Mitglied der Bundesregierung hat Rückgrat gezeigt, keine Opposition, von der zweiten Reihe und den Präsidenten der Geheimvereine unseres Landes ganz zu schweigen. Keine instinktsichere moralische Instanz weit und breit.

Man darf als Bürger also den Eindruck haben, dass die Abstumpfung unseres Staatswesens so weit fort­geschritten ist, dass (bis auf sehr wenige Ausnahmen, die ihrerseits der Überprüfung bedürften) passieren kann, was will, weil in unserer weich gespülten Gesellschaft dank reiner Opportunität und falsch ver­stan­dener Toleranz bereits viele Werte und Maßstäbe verloren sind, auch solche des Menschenrechts. Die Würde, die das Grundgesetz garantiert, ist schon lange antastbar geworden. Dabei ist und bleibt der für Obrigkeiten gläserne Mensch eine Horrorvision. Und hätte diese klare Willenserklärung, den Datendiebstahl ultimativ zu beenden, nicht gefruchtet, hätte man der internationalen Tätergemeinschaft aus Providern und Bewegungsprofilneurotikern damit Beine gemacht, noch ganz andere Sauereien verlauten zu lassen, die auf perverse Weise im missbrauchten Namen von Frieden, Freiheit und Sicherheit üblich geworden sind. Es ist mir völlig egal, wer ohne meine Zustimmung in meine Privatheit eindringen will. Es ist mir schnurz, was einer glaubt, was ihn dazu ermächtigt. Sorry, Obama.

Dass manche Leute sagen, der ganze Vorgang störe sie nicht, zumal sie nichts von der Dauerschnüffelei bemerkten, ist rührend, aber bedauerlich. Selbstbestimmung ist mehr als sich nur nicht zu definieren. Terror kommt man ohnehin nicht durch Be­kämp­fung bei, sondern durch Behebung von Gründen. Das kann dauern, setzt aber zum Nachteil von Vorteilen nachhaltig an.

Beste Grüße aus Bonn, Ihr Reinhard Nenzel, Chefredakteur